Minarette im Sonnenuntergang

Stadt am Strome

Gelandet am Atatürk-Flughafen in Istanbul, der viertgrößten Stadt der Welt. Insgesamt leben hier mehr als 13 Millionen Menschen oder – anders formuliert – 18 Prozent der gesamten türkischen Bevölkerung. Doch die schier unglaubliche Größe fällt zu Beginn nicht auf.

Minarette im Sonnenuntergang
Das schöne Stadtbild ist geprägt von Minaretten, Meer und Moscheen.

Zu Beginn beschäftigen vielmehr die zahlreichen Sinneseindrücke, also die diversen Gerüche, der Lärm und das optisch gänzlich fremde Stadtbild. Stadtstress quasi. Gepaart mit der ganz offensichtlich nachlässigen Beschilderung der Straßen wird die erste Orientierung in der Hauptstadt größten Stadt der Türkei (die Hauptstadt heißt Ankara und beheimatet etwas mehr Menschen als Berlin) zur Herausforderung. Umso fremder wirkt die plötzlich ausgestrahlte Ruhe der Muezzine, die fünfmal täglich über die zahlreichen Minarette zum Gebet aufrufen. Mittels Lautsprecher verstärkt, versteht sich.

“Allahu akbar”, Allah ist groß, schallt es dann aus allen Richtungen. Die Muezzine überbieten sich gegenseitig in Lautstärke und gesanglicher Leistung, die leicht divergierenden Einsätze arten zum metropolen Kanon aus: “Aschhadu an la ilaha illa llah”; ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt. Dazwischen Verkehrslärm, Schiffsirenen, Marktschreier. Die Muezzine, einer je Moschee, werden zum ständigen Begleiter durch die Stadt am Bosporus, und sie werden zum angenehmen Ruhepol inmitten einer ständig wachsenden Weltmetropole.

Yerebatan-Zisterne
Säulen der Yerebatan-Zisterne.

Die ersten Besuche gehören den bekannteren Bauwerken der Stadt: dem Topkapι, einer der ehemaligen Sitze der Sultane direkt am Bosporus, dem Ayasofya Camii Müzesi (Hagia Sophia), eine vormals byzantinische Kirche, später Moschee, heute ein äußerst beeindruckendes Museum, der Yerebatan Sarnıcı, eine 336 Säulen umfassende Zisterne, und natürlich der Sultanahmet Camii, der sogenannten Blauen Moschee. Letztere verfügt über sechs Minarette, wobei ihre Anzahl die Wichtigkeit einer Moschee ausdrückt und in Mekka, dem Zentrum der islamischen Religion, lediglich eines mehr steht (und das auch erst seit die Blaue Moschee über sechs Türme verfügt).

Durchwegs beeindruckt hinterlassen die typisch touristischen Tätigkeiten dennoch ihre Spuren und man sehnt sich alsbald nach mehr Respekt und Anstand. Fremdschämen für die häufig anstandslosen, meist rücksichtslosen, gerne respektlosen Touristen aus aller Welt wird zur zweithäufigsten Beschäftigung.

Tee-Verkauf am Straßenrand
Çay-Verkäufer am Straßenrand.

Davor liegt nur das Essen. Auf den Straßen werden Simik (Sesamkringel) und Kestane (heiße Maroni) verkauft, Fisch-Restaurants reihen sich in Massen an Süßwaren-Tempel, die vor allem Baklava (Blätterteig-Zucker-Gebäck mit Pistazien), Koz Helvası (türkischer Honig) und Sütlaç (Reispudding) anbieten. Und dazwischen immer wieder Çay, türkischer Schwarztee, serviert mit Zucker im geschwungenen Glas. Zum Essen wird Brot Pide gereicht und Ayran, ein Joghurt-Getränk, serviert; zum Nachtisch dann wieder Süßes. Sehr süßes Süßes. Und im Anschluss Rakι (Anis-Schnaps), Kahve (türkischer Mokka; stark, mit Kaffeesatz und wahlweise Zucker) oder beides.

Den gerne servierten Fisch beziehen die Istanbuler übrigens mit Vorliebe aus dem Bosporus, jenem Fluss der sowohl das Schwarze mit dem Marmara-Meer verbindet, als auch den europäischen vom asiatischen Teil Istanbuls trennt. Die Stadt ist somit die weltweit einzige Metropole, die sich über zwei Kontinente erstreckt. Eine Bootsfahrt gehört entsprechend zum Standard-Programm eines jeden Istanbul-Besuchs. Der Kanal ist bevölkert von großen Kreuzern und Container-Schiffen, dazwischen navigieren kleine Kutter und einzelne Fischer. Und Möwen.

Fischer am Bosporus
Zwischen großen Kreuzen fischen mutige Einzelkämpfer am Bosporus.

Sie alle steuern zwischen zwei (Sub-) Kontinenten hindurch, unterqueren dabei die Boğaz Köprüsü und die Fatih Sultan Mehmet Köprüsü, die 1. und die 2. Bosporus-Brücke. Und sie alle befahren jenen Fluss, der, stromabwärts, gut 700 Millionen Europäer auf Steuerbordseite und etwa vier Milliarden Asiaten auf Backbordseite streift. Der Bosporus als flüssiger Einschnitt inmitten Eurasiens.

Doch so groß der kulturelle Kontrast zwischen Europa und Asien sein mag, mir erschien die Kluft zwischen Goldenem Horn (südlicher Teil des europäischen Istanbuls) und jenen Stadtteilen nördlich der Galata Köprüsü, der Galata-Brücke, größer. Einerseits scheint die Bevölkerung rund um den Taksim Meydanι, dem Haupt-Verkehrsknotenpunkt im Norden, jünger zu sein als im touristisch geprägten Sultanahmet, andererseits hat sich die Îstiklal Caddesi, die Fußgängerzone, die sich vom Taksim-Platz aus gen Süden bis zum Galata-Turm erstreckt, offensichtlich an dieses Publikum angepasst: Baklava weicht Burger King, Starbucks statt Simik. Kapitalismus tritt an die Stelle von Kahve und Kestane.

Waschanlage am Rande der Blauen Moschee
Möglichkeit zur rituellen Waschung vor der Blauen Moschee.

Nur die alte Straßenbahn auf der Îstiklal Caddesi erinnert an die in Istanbul so wichtigen Traditionen. Und eventuell der Gesang der Muezzine, je nach Tageszeit. Denn Minarette gibt es naturgemäß genug, immerhin stehen im gesamten Stadtgebiet mehr als 2500 Moscheen (in Worten: zweieinhalb Tausend Gebäude für rund 13 Millionen Gläubige). Jeweils mit getrennten Eingängen für Bey (Männer) und Bayan (Frauen), sowie manchmal einem weiteren für Touristen, von denen ebenso verlangt wird, dass Schuhe ausgezogen und Köpfe bedeckt werden. Gelebte Tradition eben.

Ebenfalls Tradition ist der Hammam, das türkische Dampfbad. Neben Peeling und Massage gehört vor allem Seifenschaum zum Prozedere auf dem heißen Stein. Und dazu die Klänge türkischen Jazz’. Oder jene der Muezzine. Oder, ganz naturbelassen, jene der Möwen und des Bosporus. Entspannung im Rausch einer gigantischen Großstadt, die jede Minute wert ist, die man dort verbringen kann.

Literatur, Lese- und Linkempfehlungen

Empfehlungen für den Istanbul-Besuch

  • Bauwerke/Straßen (5): Topkapι (Palast-Anlage), Îstiklal Caddesi * (Fußgängerzone), Galata-Turm (Aussichtsplattform), Taksim Meydanι (Taksim-Platz), Yerebatan Sarnıcı (Yerebatan-Zisterne)
  • Kirchen/Moscheen (3): Sultanahmet Camii * (Blaue Moschee), Süleymaniye Camii (Süleymaniye-Moschee), Kariye Camii * (Chora-Kirche)
  • Basare (2): Kapalı Çarşı (großer Basar), Mısır Çarşısı * (ägyptischer/Gewürz-Basar)
  • Museen (3): Ayasofya Camii Müzesi * (Hagia Sophia), Îstanbul Modern Sanat Müzesi (Museum für moderne Kunst), Arkeoloji Müzesi (archäologisches Museum)
  • Cafés/Restaurants (3): Molly’s Cafe * (neben dem Galata-Turm), Parsifal (parallel zur Îstiklal Caddesi, vegetarisches/veganes Restaurant), Zencefil * (neben dem Parsifal)
  • sonstiges (3): Hammam * (türkisches Dampfbad), Bosporus-Bootsfahrt, Besuch auf der asiatischen Seite

Mit einem * markierte Empfehlungen sind mit besonderem Nachdruck empfohlene Tipps. Und weitere Bilder gibt’s übrigens in anderen Blog-Posts und bei flickr.

5 Gedanken zu „Stadt am Strome“

  1. Hallo Mario, wenn ich nicht selbst schon einiges in dieser Stadt erlebt und gesehen hätte, müsste ich spätestens nach deinem exzellenten, humorvollen, abwechslungsreichen und interessanten Bericht nochmal nach Istanbul.
    Ausserdem würde ich gern einen Kurs in “Fotografieren” bei dir buchen. Geht das ?
    Vielen Dank und mach weiter so !!!

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