Warum Medienkompetenz zum Pflichtfach werden muss

Medienkompetenz ist ein furchtbarer Begriff. Er sagt nichts aus, bedeutet aber zugleich alles. Denn Medienkompetenz beschreibt die Fähigkeit, mit “den neuen Medien” richtig umgehen zu können. Was “die neuen Medien” sind und was ein “richtiger Umgang” ist? Nun, darüber lässt sich streiten, doch ich sehe es so: In erster Linie geht es darum, Technologien, die uns täglich umgeben, zu verstehen — dazu zählen (Tablet-) Computer, Smartphones und natürlich das Internet. Der zweite Schritt, und der ist nur mit einem grundlegenden Verständnis, also Schritt eins, möglich, besteht dann darin, mit den Gefahren, die Medien mit sich bringen, umzugehen und die Chancen, die diese Technologien bieten, richtig zu nutzen.

Das große Dilemma besteht nun darin, dass der Umgang mit den Medien kein selbstverständlicher ist, obwohl er als genau so empfunden wird. Jeder nutzt das Internet, Computer gehören zu unserer Gesellschaft wie das Auto und mancher Smartphone-Produzent wird gar zur Religion stilisiert. Und dann die sozialen Netzwerke: Facebook alleine hat mehr Nutzer als die meisten Staaten der Welt Einwohner (tatsächlich würde ein Facebook-Staat hinter Indien und China Platz drei der bevölkerungsreichsten Länder weltweit belegen).

Doch welcher Nutzer beschäftigt sich schon mit Gefahren wie Cyber-Mobbing oder Internet-Sucht? Und was hätten OpenData-Bewegungen oder gut gemachte Podcasts für Vorteile, würden sie von mehr Menschen verstanden und entsprechend genutzt.

Nun ja, entgegnet da manch einer. Das sind vermutlich Nischen-Erscheinungen. Und falls Cyber-Mobbing und Internet-Sucht tatsächlich ernsthafte Probleme wären, würde man die ungefähr so handhaben, wie man das im Offline-Leben auch tut und tat.

Nein und nein.

Erstens: Diese Gefahren und Chancen sowie viele weitere sind keine Nischen-Erscheinungen. Vor allen Dingen werden sie in Zukunft nicht abnehmen, sondern ihre Zahl wird sich in Anbetracht der immer stärkeren Verbreitung mobiler Geräte mit Zugang zum Internet weiter erhöhen.

Zweitens: Einmal erkannt lassen sich Gefahren nicht mit herkömmlichen Vorgehensweisen bekämpfen. Bei Drogen-Sucht hilft lediglich Entzug und die Suche nach alternativen Auswegen für die Ursachen einer Sucht — damit Betroffene nicht mehr auf Drogen zurückgreifen müssen. Aber einem Computer-Süchtigen den Computer zu entziehen, heißt auch, ihm jegliche Zukunftsperspektiven zu entziehen. Welcher Beruf kommt heute schon ohne Computer aus?

Diese Kompetenz erlernt sich also nicht von selbst. Auch nicht bei Kindern und Jugendlichen, die bereits seit ihrer Geburt mit den neuen Medien konfrontiert sind. Und sie zu vermitteln, ist einerseits Aufgabe der Eltern, andererseits — und hauptsächlich, da Eltern mit dieser Aufgabe häufig überfordert sind (und das ist absolut kein Vorwurf, sondern verständlich) — Aufgabe der Schulen.

Doch der Freiraum in der Schule ist begrenzt. Was nicht im Lehrplan steht, ist schwer (aber nicht unmöglich), unterzubringen. Deshalb muss Medienkompetenz zum Pflichtfach werden. Zum Wohl der Kinder, zum Wohl der Jugendlichen, zum Wohl der Lehrer, die damit einen normativen Rahmen erhielten; und damit im Endeffekt auch zum Wohl der Gesellschaft. Denn das Internet bietet ein immenses Potential, Demokratie zu fördern. Genutzt wird dieses Potential derzeit aber noch zu wenig.

Warum mir das alles so am Herzen liegt? Erstens bin ich seit einigen Jahren beim ComputerCamp damit konfrontiert und würde nur zu gerne etwas daran ändern. Und zweitens werde ich versuchen, ein bisschen etwas daran zu ändern. Also kein Pflichtfach einführen, das liegt leider nicht in meiner Macht. Aber — nein, das muss noch warten. Bis nächste Woche. Dann gibt’s hier mehr.

Bis dahin empfehle ich schonmal das Video der Supro-Initiative “Suchthaufen” zum Thema “Neue Medien” bei YouTube:

P.S.: Ich suche nach wie vor nach einem passenden Synonym für “Medienkompetenz”, das praktischer, griffiger, spannender klingt. Vorschläge sind sehr gern gesehen.

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