Zwischen Kirche und Kanal.

Brutaler Prunk

Zwischen Kirche und Kanal.
Zwischen Kirche und Kanal.

Die (jüngere) Geschichte Finnlands lässt sich grob in drei Abschnitte unterteilen: Die Herrschaft Schwedens (rund 700 Jahre), die Herrschaft Russlands (rund 200 Jahre) und die Unabhängigkeit des Landes (seit 1917). So gesehen arbeite ich mich rückwärts vor — mit der Ankunft in Helsinki, dem kürzlich absolvierten Besuch in St. Petersburg und schließlich dem Trip nach Stockholm. Heute geht es um zweiteres.

Wir kommen nach Russland mit der Fähre. Nicht, weil Schiffe meine heimliche Leidenschaft sind oder weil ich auf viel zu kleine Betten in viel zu engen Kabinen stehe; sondern schlicht, weil die russischen Behörden bei Einreise per Fähre ein kostenfreies 72-Stunden-Touristen-Visum in Aussicht stellen. Entsprechend dauert unser Aufenthalt in Russland ein bisschen weniger als 72 Stunden. Die Überfahrt dauert gefühlt genauso lang (tatsächlich dauert sie jeweils 15, also insgesamt 30, Stunden).

Mit der 72-Stunden-Genehmigung in der Tasche wollen wir die Stadt zunächst per Bus erkunden. Unser Reiseleiter, ein Russe und Wahl-St.-Petersburger (“for some 25 years now”), schwärmt von der Stadt Peters dem Großen, die 1703 als neue Hauptstadt Russlands erbaut wurde. Doch bevor wir überhaupt etwas von der Fünf-Millionen-Metropole zu Gesicht bekommen, stehen wir im Stau. Denn das Auto, das lernen wir schnell, scheint sowohl das liebste Fortbewegungsmittel als auch das größte Statussymbol der Petersburger zu sein: Getönte Scheiben, glühende Motoren, glänzende Felgen — man zeigt hier gerne, was man hat. Wenn man hat.

Warten auf das Bernsteinzimmer.
Warten auf das Bernsteinzimmer.

Das war offensichtlich auch früher schon so. Erstes Beispiel dafür ist der rund 25 Kilometer außerhalb der Stadt liegende Katharinenpalast — benannt nach Katharina I. (nicht zu verwechseln mit Katharina der Großen, zu der wir noch kommen; Katharina I. war Ehefrau Peters des Großen), die den Bau in Auftrag gegeben hat. Der Palast ist schnell zusammengefasst: Bling-Bling, Barock und Bernsteinzimmer; im Sommer Touristenmagnet, im März, unserem Besuchsmonat, ziemlich zuschauerarm.

Ein weiterer Beleg dafür, dass man hier gerne zur Schau stellt, sind die U-Bahn-Stationen. Gespickt mit Gold und Noblesse zieht sich die Petersburger Metro durch den Untergrund. Fünf Linien befördern die Fahrgäste dabei vom Nevsky Prospekt nach Pushkinskaya und von Dostoevskaya nach Gostiny Dvor — in einem der tiefsten U-Bahn-Systeme der Welt (laut Wikipedia). Bis zu 100 Meter unter der Erde liegen die Stationen, was vor allem dem instabilen Untergrund des Newa-Deltas geschuldet ist.

Rote Strelka an der blauen Newa.
Rote Strelka an der blauen Newa.

Drittes Beispiel für den demonstrativen Reichtum: die Eremitage. Der Museums- und Palastkomplex erstreckt sich über fünf Gebäude, eines größer als das andere, und zählt heute zu den bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Picasso und da Vinci hängen da im Winterpalast, dem ehemaligen Herrschersitz im Zentrum St. Petersburgs; daneben Werke von Michelangelo, Kandinsky, Rodin. Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt — mit (beinahe ausschließlich) europäischen Künstlern. Denn die Gründerin der Kunstsammlung, Katharina II. (jetzt aber die Große), hatte ein Faible für die spanische, die belgische, die italienische Kunst. Weil sie aber ihren Thron nicht unbemannt zurücklassen wollte, reiste sie nicht in den Westen, sondern ließ die westliche Kunst ankarren.

Vor der Eremitage erstreckt sich schließlich das Zentrum des modernen Petersburgs — der Nevsky Prospekt. Eine gigantische Mischung aus Einkaufsmeile und Hauptstraße. Vierspurig schlängeln sich die Autos dabei zwischen Hugo Boss und H&M hindurch, nur unterbrochen von der bunten Auferstehungskirche oder der Kasaner Kathedrale. Leider stören trotz breiter Gehsteige die Abgase derart, dass uns selbst der von St. Petersburg begeisterte Reiseleiter darauf aufmerksam macht. Umweltzonen? Fehlanzeige. Stattdessen Abfall und Abgase im Wechselspiel mit Gold und Glamour. Brutaler Prunk.

Mir gefällt die Stadt an der Newa: Freundliche Menschen, guter Kaffee (Endlich!), Kunst, Kultur und natürlich das Wasser. Zugegeben, letzteres ist gerade gefroren, aber das Meer vor der Haustüre gefällt mir als “Binnenstaatler” auch in Helsinki sehr gut. Die Mischung aus westlichen Einflüssen gepaart mit russischem Zarenprunk wirkt aber etwas merkwürdig, beinahe ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Mit der Fähre gen St. Petersburg.
Mit der Fähre gen St. Petersburg.

Apropos Zeit: An die frühere Sowjetunion erinnert übrigens recht wenig — zumindest aus optischer Sicht. Die meisten der pompösen Gebäude stammen aus der Zeit vor Lenin und Stalin; sie sind Überbleibsel großer russischer Zaren und Kaiserinnen. Bei Führungen und Erzählungen ist die UdSSR hingegen allgegenwärtig. Keine Erklärung ohne Verweis auf die Oktoberrevolution, auf den eisernen Vorhang, auf den zwischenzeitlichen Namen der Stadt (“Leningrad”).

Letzteren haben die Petersburger übrigens im Rahmen einer Volksbefragung 1991 wieder abgeschafft, kurz nach dem Fall der Mauer und der Sowjetunion als ganzes. Seither heißt die zweitgrößte Stadt Russlands wieder St. Petersburg. Da passt auch, dass sich David Hasselhoff zeitgleich zu unserem Besuch zum geplanten Abriss der Berliner East Side Gallery äußert. “Es ist wichtig, dass wir diese Erinnerung bewahren”, hat er gesagt. Und Recht hat er.

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