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Ihr erster Schultag

Es ist Mittag und damit Essenszeit in der Uni-Mensa in der Siltavuorenpenger (= Straßenname). Die Schlange um das Salatbuffet wächst, der Lärmpegel steigt, die Bibliothek leert sich. Eigentlich wie in allen anderen Uni-Mensen auch. Nur etwas ist anders im Vergleich zu anderen Mensen: Es sind auffallend viele Frauen hier.

Der Grund ist einfach: In der Siltavuorenpenger studiert man bzw. Frau Lehramt.

Stundentafel
Stundentafel der Schulstufen 1-9 (Pflichtschule).

Denn von den über 95 Prozent der LehrerInnen, die Mitglied in der finnischen Lehrergewerkschaft sind, ist nur ein gutes Viertel männlich (26 %). Die anderen drei Viertel werden Grund-/Volksschul- oder Sekundarschullehrerinnen. An der Universität sind sie alle, denn in Finnland hat jeder Lehrer (Aus Gründen der Lesbarkeit bleibe ich jetzt mal bei der Personalform ohne Binnen-I und Gender-Gap.) einen Hochschulabschluss. Dabei wird unterteilt nach der angestrebten Schulform — ganz wie in Deutschland oder Österreich. Der Unterschied liegt im Detail: Das Studium findet nicht an einer pädagogischen Hochschule (Österreich) statt und endet auch nicht mit einem Staatsexamen (Deutschland), sondern es ist ein ganz normales Studium (tw. leicht abgeschwächt), das um pädagogische und didaktische Fächer ergänzt wird.

Finnische Lehrer haben also alle einen Hochschulabschluss. Bei meinem zweiten Schulbesuch letzte Woche habe ich von einem Grund-/Volksschullehrer für Mathematik erfahren, dass das bei Lehrern jedoch nicht sonderlich beliebt ist; insbesondere in jenen Fächern, in denen das mit verhältnismäßig viel Aufwand verbunden ist. Also etwa in Mathematik, für das man an der Uni den Bachelor machen muss, später jedoch “nur” Binom’sche Formeln und Pythagoras erklärt.

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Whiteboards, eine Mischung aus Tafel und Beamer, sind in nahezu jeder finnischen Schule vertreten (Foto: twobobswerver/Flickr).

Das war es dann aber auch schon mit seiner Gesprächigkeit. Schade eigentlich. Ich hätte zu gerne gewusst, ob er auch im Mathe-Unterricht den Computer einsetzt, der in allen Klassen steht. Ja, in allen. Jeder Raum — laut Erzählungen: in jeder Schule — ist mit einem Lehrer-Computer ausgestattet. Denkt man an Österreich oder Deutschland, fragt man sich, ob das bei manch alt-eingesessenem auf die Ferien und Rente wartenden Pädagogen überhaupt genutzt werden würde. Hier stellt sich diese Frage offensichtlich nicht. Es gibt diverse auf Fächer abgestimmte EDV-Kurse für jene Lehrer, die nicht bereits im Studium den Umgang damit gelernt haben. Und es gibt Whiteboard-Kurse, da in jeder Schule mindestens ein Raum mit einer solchen Multimedia-Tafel bestückt ist.

Überhaupt ist hier der Ruf des Lehrers ein anderer. Der Beruf ist angesehen, die Hauptgründe für die Studienwahl heißen nicht — wie in einem alten österreichischen Witz — Juli und August. Stattdessen zählt der Lehrer neben Ärzten, Polizisten und Feuerwehrleuten zu den angesehendsten Berufsgruppen. Wer Lehrer in Finnland ist, ist (zurecht) stolz darauf.

Und wer Lehrer in Finnland ist, kann mit starkem Rückhalt innerhalb der Schule rechnen. Zumindest ist das der Eindruck, den ich bei meinen Besuchen bisher bekommen habe. Der (Di-)Rektor ist für die Lehrer da, die wiederum für die Schüler da sind. Es herrscht ein großes Vertrauen, sowohl zwischen Schulleitung und Lehrern als auch zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen.

Vermutlich ermöglicht eben jenes Vertrauen auch erst die recht starke Autonomie der Schulen hier, die relativ autonom in ihrer Planung agieren: Schulstunden dauern je nach Schule 45, 60, 75 oder 90 Minuten, Pausen variieren ebenfalls grob. Je nachdem, wie es mit anderen Schulen in der Umgebung, dem Busplan oder auch der anderen Planung zusammenpasst. Auch das Angebot der Wahlfächer hängt von der Schule ab. Einzig die Abitur-Prüfungen (Matura) sind in Finnland (inhaltlich) zentralisiert (finden aber an unterschiedlichen Zeitpunkten statt).

Ausstattung, Ansehen, Ausbildung und Autonomie. Gepaart mit jeder Menge Vertrauen beginne ich zu verstehen, was hier so alles anders ist. Und eigentlich müsste Lehrer hier der Traumberuf schlechthin sein.

Eigentlich. Denn einerseits ist der Beruf schwer zu erlangen. Nach einem anspruchsvollen Studium sind die Aussichten auf eine Anstellung je nach geografischem Wunsch mäßig bis schlecht — unabhängig von Fächer-Kombination und Schultyp. Andererseits ist, ebenfalls unabhängig von Fächern und Schultyp, die Bezahlung laut OECD mäßig bis schlecht: Finnische Lehrer verdienen (wesentlich) weniger als ihre deutschen oder österreichischen Kollegen.

Neben einem anderen Arbeitsumfeld also auch eine andere Bezahlung. Ähnlich scheint nur das Lehrerzimmer zu sein — jeder Lehrer hat hier einen eigenen Platz am großen Tisch sowie ein Schließfach. Außerdem riecht es nach Kaffee, auf dem Tisch stehen Tassen und Kuchen. Wie in der Uni-Mensa.

Weitere Infos und Eindrücke

Dieser Beitrag ist Teil meiner kleinen Schulserie. Der erste (Überblicks-) Beitrag findet sich unter dem Titel “Mein erster Schultaghier.

Für weitere Informationen zum Beruf des Lehrers in Finnland lohnt sich ein Besuch der folgenden (englisch-sprachigen) Quellen: NCEE, OAJ und ein Artikel der Stanford-Universität.

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