Auch Musik ist an Vappu vor Ort.

Kult, Kitsch, Kokolores

Vier Monate lang zeigt sich Helsinki als relativ ruhige Stadt, in der Leute ihren eigenen Dingen nachgehen und sich dabei möglichst nicht gegenseitig auf die Füße treten, und dann kommt dieser merkwürdige erste Mai. Vappu nennt man das hier, und es verkörpert gleich mehreres in einem: Abiturienten/Maturanten bekommen ihr traditionelles Käppi (wie in Schweden), es ist Feiertag (wie fast überall), Studenten feiern (wie immer), es ist der Tag der Arbeit (auch wie fast überall) und scheinbar die ganze Stadt (Betrunkene wie auch Familien, Senioren wie auch Studenten) trifft sich im Stadtpark zum großen Picknick mit Käppi und Sekt — dem ersten großen Anlass, nach draußen zu gehen (und sich den ersten Sonnenbrand der Saison zu holen).

Ganz kurz nach Sechs. Im Bild: Schüler, Studenten, Absolventen, Amanda und das Fernsehen.
Ganz kurz nach Sechs. Im Bild: Schüler, Studenten, Absolventen, Amanda und das Fernsehen.

Moment, was ist passiert? Also es gibt da diesen 30. April, der hier auch schon Vappu genannt wird, quasi zusätzlich zum 1. Mai. Und es gibt diese weißen Käppis, die man in Schweden wie auch Finnland zum/r bestandenen Abitur/Matura bekommt. Und es gibt da diese Tradition. Ach was Tradition, Kult ist das! Also der Kult besteht jedenfalls darin, dass sich am 30. April um Punkt 18 Uhr (Finnen sind sehr pünktlich!) ganz Helsinki (gefühlt) um die Statue der Havis Amanda (“The Naked Lady”) versammelt, (noch) ohne Käppi. Bühne, Stimmung und Live-Übertragung ins nationale Fernsehen inklusive. Mit einem Kran werden dann um Sechs einige aktuelle Abiturienten/Maturanten zum Kopf der Havis Amanda gehoben, um sie mit dem Käppi zu besetzen. Es folgt Sektkorkengeknalle, Jubel und kollektives Käppi-aufsetzen. Irgendwie kitschig. Anschließend wird gefeiert. Und Tags darauf trifft sich ganz Helsinki (Dieses Mal abgezählt!) im Kaivopuisto, dem Stadtpark, zum Picknick. Auch hier überall Käppis, manche vom Zahn der Zeit verfressen, vergilbt, versifft; die neuen strahlend weiß wie nach der Zahnreinigung. Und zwischen Sektflaschen, Picknickdecken, Kinderwagen und Betrunkenen immer wieder die finnische Flagge.

Überhaupt sieht man die hier, verglichen mit den nationalen Fahnen in Österreich oder Deutschland (abgesehen von nationalen Fußball-Veranstaltungen) recht häufig (gut, im Vergleich mit den USA …). Einerseits an nationalen Feiertagen, andererseits an so genannten Flaggentagen. Und davon gibt es, insbesondere im Frühjahr, jede Menge. Hier eine Auswahl (Auswahl wohlgemerkt!):

  • 5.2., Runeberg-Tag: Nationaldichter und Kuchenliebhaber
  • 12.2. (2013), Laskiais tiistai: Faschingsdienstag
  • 28.2., Kalevala-Tag: Tag der finnischen Kultur
  • 19.3., Minna-Canth-Tag: quasi die erste Finnin, die über Finninen ein Buch schrieb
  • 9.4., Mikael-Agricola-Tag: Erfinder der simplen und eingängigen finnischen Sprache
  • 23.4., Buch- und Rosen-Tag: in Anlehnung an den UNESCO-Tag des Buchs
  • 27.4., Tag der nationalen Veteranen
  • 1.5., Vappu: besagtes Käppi- und Picknick-Fest
  • 12.5., Snellman-Tag: zweiter Tag der finnischen Kultur

Hinzu kommen noch so Dinge wie Drei-König, alles im Zusammenhang mit Ostern oder Christi Himmelfahrt. Und natürlich das restliche Jahr — eine genauere Auflistung findet sich auch hier und hier. Man kann es den Finnen bei der Menge an solchen weiß-blauen Tagen ja kaum vorwerfen, aber merkwürdig war die Situation am Tag der nationalen Veteranen ja schon, als ich unwissender Tourist in einem Kaffee den netten finnischen Barista nach dem Anlass des heutigen Flaggentags gefragt habe. Er wusste es nämlich nicht, war peinlich berührt und fragte daraufhin laut in seinen (recht kleinen) Laden hinein, ob es denn wer wüsste. Die acht anwesenden Kunden waren in diesem Moment aber offensichtlich so in die Preisschilder und Produkte vertieft, dass sie vor lauter Bücken und hinter Zetteln verstecken gar nicht antworten konnten. Die Frage war aber auch gemein.

Beflaggt. Hier am Runeberg-Tag.
Beflaggt. Hier am Runeberg-Tag.

Übrigens gehen Flaggentage hier häufig mit einem passenden Dessert einher. Von der Runebergintortu habe ich ja schon berichtet, am Faschingsdienstag, an dem hier kein Fasching, sondern eine Art studentische Apré-Ski-Party am Nachmittag mit Gruppen-Rodeln und schlechter DJ-Ötzi-Musik gefeiert wird (Kokolores!), gibt es eine Art Sahne-Pulla, an Ostern Mämmi (Mämmi, dieses aus Roggen und Malz hergestellte gegärte, schwarze, Pudding-ähnliche Dessert, spaltet hier die Gemüter und erstaunt nicht nur optisch. Persönlicher Eindruck: Es wird nicht mein neues Leibgericht, aber schlecht finde ich es nicht.) und an Vappu tippaleipä, quasi ein frittiertes Nudelnest aus Hefeteig (Laut Wikipedia ist das unter dem Namen Strauben insbesondere im Süden Deutschlands, in Österreich und in der Schweiz bekannt; mir sagte es bislang nichts.).

Auch Musik ist an Vappu vor Ort.
Auch Musik ist an Vappu vor Ort.

Aber apropos Brauch, der mir (nicht) bekannt vorkommt: Kurz vor Ende ihrer regulären Schulzeit feiern die angehenden Abiturienten/Maturanten hier eine Art Übergabe-Fest an ihre Nachfolger, also die neuen “Ältesten” einer jeden Schule. Ein bisschen ist das vergleichbar mit dem — zumindest in Vorarlberg bekannten — Käpplefest. Der große Unterschied besteht im Nachmittagsprogramm. Denn dann wird hier eine Parade veranstaltet, bei der die Schüler auf Lastwagen durch die Innenstadt gekarrt werden und Bonbons an die Anwesenden verteilen, die der neuen Vappu-Käppi-Träger-Generation dafür zujubelt.

Man bekommt den Eindruck, viele der Bräuche hier gehen nicht nur mit Süßspeisen, sondern auch mit Bildung (Autoren, Vappu, studentisches Rodeln, Schüler-LKW-Parade) einher. Macht vielleicht auch Sinn, da das Land schlichtweg nicht sonderlich alt ist (Finnland ist seit 1917 unabhängig.) und daher nicht derart viel ur-finnische Tradition hat. Das ist möglicherweise auch der Grund, warum der ursprünglich schwedische Vappu-Brauch im entscheidenden Moment seine Wurzeln zeigt. Denn bevor Amanda ihr Käppi bekommt, wird der finale Countdown nicht auf finnisch, sondern auf schwedisch gezählt. Statt kolme (3) also tre, statt kaksi (2) heißt es två, dann noch ett und noll. Übrigens stammt die Band zum passenden Song (Europe — The Final Countdown) ebenfalls nicht aus Finnland, sondern eben auch: aus Schweden.

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