Österreichische Berg-Klischees

Mein erster Schultag

Mein erster finnischer Schultag beginnt einer Busfahrt durch die Pampas. Mit mir im Bus sind nur der Fahrer, eine hustende Frau und ein Mann mit Rammstein-Pullover — Finnen stehen offensichtlich auf härtere Klänge. Die Fahrt zur Tervakosken Koulu in, nun ja, Tervakoski dauert gut 50 Minuten. Eine Lehrerin holt mich von der Haltestelle ab. Keine fünf Minuten später sitze ich in einem Klassenzimmer der Oberstufe, die Jugendlichen sind etwa 16 Jahre alt und lernen Englisch. Der Unterschied zwischen Adverb und Adjektiv ist heute dran — aber nur eine halbe Stunde, danach darf ich über Österreich (“Itävalta”) reden.

Kaiserschmarrn (Bild: alaczek/Flickr)
Süßspeisen als Hauptgericht ist wohl trotz hohem Zucker-Verbrauch nichts für finnische Mägen (Bild: alaczek/Flickr).

Was auf den ersten Blick im Unterschied zu deutschen oder österreichischen Schulen auffällt, ist die Austattung im Klassenzimmer. Jeder Raum ist auf dem Pult mit Computer und einer Art Overhead-Projektor ausgestattet, die beide mit einem Beamer verbunden sind (und die, wie mir mehrmals unaufgefordert versichert wurde, kinderleicht zu bedienen seien); manche Räume haben Whiteboards. Die Schüler hatten Hausaufgaben aus dem Schulbuch zu erledigen, die Lehrerin hat die Lösungen in einer dafür eigens installierten Software binnen weniger Sekunden auf dem Beamer. Sieht eingespielt und praktisch aus.

Ich starte meine Präsentation, die Jugendlichen dürfen sich ein Thema aussuchen. Mitgebracht habe ich Bilder und Musik, Filmausschnitte und Texte zu diversen Bereichen. Die Kinder entscheiden sich zunächst für Geographie — wegen der Alpen. Österreich passt also flächenmäßig viermal nach Finnland, hat aber mehr Einwohner. Und besteht zu rund 60 Prozent aus Bergen. Die Klasse staunt, die Bilder aus der Silvretta und Innsbruck tun ihr Übriges. Nachdem meine Bilder und Schilderungen Bewunderung geerntet haben, möchte ich jetzt aber lernen: Wie funktioniert eines der besten Schulsysteme der Welt?

Schuhlos (Copyright: BBC)
In der Unterstufe (7-16 Jahre) bleiben Schuhe in der Garderobe (Bild: BBC).

Zunächst wird hier nicht im Alter von zehn Jahren separiert. Es gibt keine Haupt-, Mittel- oder Realschule und kein Gymnasium im eigentlichen Sinn. Jedes Kind wird mit sieben Jahren in die Unterstufe (“perustaste”) eingeschult und bleibt da. Bis es 16 ist. Keine Unterscheidung in besser oder schlechter, keine Differenzierung nach dem Bildungsstand der Eltern, keine Diskussion. Jedes Kind besucht die geografisch nächstgelegene Schule. Punkt. Nach diesen neun Schuljahren ist — wie in Deutschland und Österreich auch — die Schulpflicht abgeleistet. Dann haben die Schüler für die Oberstufe (“toinen aste” bzw. “yläaste”) die Wahl zwischen einer Art berufsbildenden Schule (lukio “ammattikoulu”), dem Gymnasium mit Matura/Abitur am Ende (ammattikoulu “lukio”) oder einer Ausbildung.

Nächstes Thema: Die Schüler wünschen sich ein paar Eindrücke österreichischen Essens. Kennen tun sie nichts, Wiener Schnitzel haben ein paar schon einmal gesehen. Bei Süßspeisen als Hauptgericht fallen einige von ihnen vom Glauben ab. Zwar kann man die Mägen in der Klasse zu den Bildern von Kaiserschmarrn, Marillenknödel und Milchrahmstrudel knurren hören, als Hauptgericht scheint das den Finnen jedoch zu viel des Guten.

Aber apropos Essen: Das ist in der Unterstufe für die Kinder gratis und bis zum Teenager-Alter auch verpflichtend; ebenso wie alle (Ja, alle!) Schulbücher bis zur Erfüllung der Schulpflicht, also bis die Schüler 16 sind, kostenfrei sind. Lehrer und Schüler duzen sich hier außerdem und die Schule endet spätestens um halb Vier. Halb Vier? Beginnen die dafür um Sechs Uhr dreißig? Mitnichten: Die Finnen haben im europaweiten Vergleich die wenigsten Schulstunden überhaupt. Und sind trotzdem gut.

Österreichische Berg-Klischees
Österreichischer Klischee-Mix aus Natur, Skilift und Bergen.

Oder vielleicht gerade deshalb? Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier Bildung so viel wert ist, dass man (der Staat) nahezu alles unternimmt, um die Rahmenbedingungen für die Bildung so angenehm wie möglich zu gestalten. Deshalb gibt es für die Kinder Essen und Bücher und für die Studenten eigene Ärzte und Physiotherapeuten. Deshalb gibt es hier keine Schuluniformen aber organisierte und bezahlte Schulbusse (oder -taxis, wenn die Familien zu abgelegen wohnen) für jedes Kind. Und deshalb unterscheidet man in Finnland nicht zwischen arm und reich oder zwischen Kindern mit und ohne Behinderung — jede Schule ist hier barrierefrei, eigene “Sonderschulen” gibt es nicht. Betroffene Kinder sind je nach Fähigkeit in ganz normalen oder in eigenen Klassen in ganz normalen Schulen untergebracht.

Die Maxime lautet hier, dass jedes Kind die gleichen Chancen haben soll und am Ende alle dieselbe Bildung genießen. Und diese Maxime ist zugleich der bislang einzige Kritikpunkt, der mir aufgefallen ist (und auch von einem finnischen Lehrer bestätigt wurde): Schnellere, klügere, so genannte “hoch begabte” Kinder (tatsächlich Hochbegabte, keine von den Eltern erzwungenen Hochbegabten) fallen hier durch den Rost. Sie müssen sich dem Tempo der Klasse anpassen, spezielle Förderungen für sie scheint es nur im Rahmen des Engagements einzelner Lehrer zu geben. Oder an der Universität, also sehr spät.

Es läutet, ich wechsle die Klasse. Vor mir sitzen jetzt acht Schüler, die kurz vor ihrem Abitur-/Matura-Abschluss stehen und Deutsch lernen. Sie wollen über Kunst reden, ich frage nach bekannter deutscher oder österreichischer Musik. Mozarts Nachtmusik und Strauss’ Donauwalzer sind bekannt, als ich es vorspiele. Namen kennt keiner. Nur eine deutsche Band, deren Texte einige sogar rezitieren können, ist gleichermaßen bekannt wie beliebt: Rammstein.

Weitere Infos und Eindrücke

Das war nur mein erster Schultag. Weitere Schulbesuche und weitere Berichte dazu folgen. Ich möchte mich außerdem auf die Suche machen, wie das Schulsystem aus Sicht (1) der Kinder, (2) der Lehrer und (3) der Eltern aussieht. Mehr dazu in bälde.

Bis dahin hier noch eine Reportage der britischen BBC zum finnischen Schulsystem. Das Video ist englisch aber gut verständlich. Queen’s English, so to speak.

3 Gedanken zu „Mein erster Schultag“

  1. Hei, du hast “lukio” und “ammattikoulu” vertauscht, toinen aste kenne ich eher als yläaste; bin mir grad unsicher, ob man das zusammenschreibt. lg,g

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