Im Manchester des Nordens

Im Übergang von Industrie zu Dienstleistung.
Im Übergang von Industrie zu Dienstleistung.

Es ist die Zeit danach angebrochen und damit quasi die Zeit der Nachberichterstattung. Teil eins ist einem meiner letzten Ausflüge gewidmet — in die wunderschöne Stadt Tampere. Drei allgemeine Informationen vorweg: Gemeinsam mit Turku im Westen und Helsinki im Süden bildet es jenes geografische Dreieck, in dem prozentuell die meisten Finnen leben. Es ist — gemessen an der Bevölkerung — etwas kleiner als Augsburg (~ 220 000 Einwohner; in Augsburg sind es etwa 265 000) aber nach Helsinki und Espoo (das ja eigentlich fast zu Helsinki gehört) die drittgrößte Stadt Finnlands. Und Tampere wird auch das “Manchester des Nordens” genannt.

Manchester? Warum?

Ist der “FC Tampere United” so etwas wie der Rekord-Verein des Nordens? Nein. Ist der Dialekt in Tampere ebenso wie der Manchester’ Akzent sofort erhörbar? Nicht wirklich. Gibt es dort ein regelmäßiges Derby zweier bekannter Fußballvereine? Fußball in Finnland? Nein. Ist Tampere so etwas wie das finnische Männer-Musik-Mekka, so wie Manchester Heimat diverser Boybands ist? Hängt davon ab, ob ein 28. Platz in den deutschen Single-Charts 2005 die berühmte Tamperer Band “Negative” auf eine Stufe mit Oasis, Simply Red oder Take That stellt.

Zwar nicht aus Backstein, aber trotzdem in Tampere -- der Dom.
Zwar nicht aus Backstein, aber trotzdem in Tampere — der Dom.

Es ist also nicht die Sprache, nicht der Sport und auch nicht die Kultur, die den Vergleich Manchesters mit Tampere rechtfertigt. Wikipedia schlägt stattdessen die “vielseitige Industrie” vor, die ähnlich sein soll. Aha. Mag ja auch einmal gestimmt haben (beide Städte gelten jeweils als die größten Industrie-Produzenten ihres Landes), heute verweisen beide Städte aber auf einen stetig wachsenden (und die produzierende Industrie in der Zahl der Angestellten längst überholenden) Dienstleistungssektor (was zugegebenermaßen bei den bekannten Globalisierungsaspekten wenig verwunderlich ist).

Was also tatsächlich ähnlich ist zwischen Tampere und Manchester, ist die übrig gebliebene Architektur der einstigen Industrie-Hauptstädte. Also viele Backsteinbauten, Schornsteine, zentrale Autobahn-Knotenpunkte sowie einstige Gebäude-Komplexe inzwischen weggezogener oder geschlossener Firmen.

Sonst noch was?

Brücke
Gekonnte Übergänge zwischen Tampere und Manchester.

Nicht wirklich. Mit viel Fantasie könnte man höchstens noch einen Bogen schlagen von Col Needham, einem Unternehmer aus Manchester, der mit IMDb eine der größten Film-Datenbanken im Internet geschaffen hat (die inzwischen Amazon gehört); einen Bogen also von diesem IT-Unternehmer aus Manchester hin zu Fredrik Idestam, der in Tampere eine Firma namens Nokia gründete. Allerdings, das schmälert diese Bogen-Spann-Fantasie etwas, wurde Nokia nicht als IT-Unternehmen gegründet. Wäre auch zu früh gewesen. Denn Fredrik Idestam gründete Nokia 1865 erst als Hersteller diverser Papiererzeugnisse, später als Erzeuger von Gummistiefel und Regenmäntel; im Laufe der Zeit versuchte er noch sein Glück als Reifenproduzent (für Rollstühle wie auch für Fahrräder), dann als Hersteller von Autotelefonen (Aha, wir nähern uns …), bis schließlich, 1987, das erste Mobiltelefon das Werk von Nokia verließ. Zu diesem Zeitpunkt war Idestam allerdings längst tot — er starb bereits 1916, zur Zeit der Gummistiefel und Regenmäntel.

Immerhin muss er so nicht den Niedergang seines Unternehmens miterleben. Denn Nokia geht es gerade nicht besonders gut. Trotz neuem farbigem Design seiner Handys, trotz neuem Smartphone-Partner (Microsoft) und trotz hübschem “Flagship-Store” im Zentrum Helsinkis.

Dafür kann aktuell ein anderes finnisches IT-Unternehmen Rekord-Verkaufszahlen vermelden: Rovio. Noch nie gehört? Dann vielleicht das erfolgreichste Produkt des Software-Herstellers — Angry Birds? Na also. Das wäre ja auch was, vom weltweit erfolgreichsten Handy-Spiel aller Zeiten noch nie etwas gehört zu haben. Obwohl der Sinn des Spiels doch recht beschränkt ist: Mit einer Steinschleuder schießt man diverse fiktive Vögel auf diverse fiktive (und böse) Schweine, die sich hinter Holzbalken oder Steinen verstecken. Das Spiel wurde inzwischen weit mehr als 500 Millionen mal heruntergeladen und bildet außerdem die Basis für zahlreiche andere Spielversionen, Filme, Kuscheltiere, Bettwäschen, Haushaltsartikel oder Werbekampagnen. Wenn das Fredrik Idestam wüsste, er würde sich vermutlich glatt im Grab umdrehen. Aus Frust darüber, dass er nicht auf die Idee kam, anstatt Gummistiefel oder Fahrradreifen Handy-Spiele zu produzieren.

Die feinen Unterschiede

So schnell geht’s. Kaum hier, schon ist die Zeit wieder vorbei. Aber gut, das Jahr wird deshalb nicht weniger aufregend (im Gegenteil …). Und weil die größeren Eindrücke bereits an dieser Stelle Platz gefunden haben, heute eine ungeordnete und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebende Liste mit 19 feinen Unterschiede (weil ich genau genommen 19 Wochen hier war).

In Helsinki gibt's gratis WLAN. Für alle Sprachen.
In Helsinki gibt’s gratis WLAN. Für alle Sprachen.
  1. Im Finnischen (also der Sprache) gibt es kein Geschlecht. Binnen-I (“LehrerInnen”) und Gender-Gap (“Lehrer_innen”) sind hier entsprechend nicht weit verbreitet, ebensowenig diskriminierende Stellenausschreibungen.
  2. Das erste Mal geregnet hat es in den gesamten fünf Monaten, die ich hier in Helsinki seit Anfang Januar bin, erst am 13. April.
  3. Trotz Quasi-Ankündigung hat sich während meines Aufenthalts hier glücklicherweise kein mir bekannter Finne das Leben genommen.
  4. Komplett Schnee-frei ist Helsinki (Meereshöhe: 0m) ziemlich genau seit dem 1. Mai.
  5. Weil die Luftfeuchtigkeit hier (vor allem im Winter) recht hoch ist und feuchte Luft sehr gut leitet, holt man (ich) sich (mir) pausenlos kleine Stromschläge.
  6. Der Frühling (Blätter, Blumen, Baumwollshirts) kam sehr lange nicht und als er dann kam, war er innerhalb von etwa einer Woche abgeschlossen. Seither ist Sommer (Hitze, Haut, Helligkeit).
  7. Finnen sind wesentlich pünktlicher als Deutsche; der Wiener würde sie wohl (Achtung Wortspiel!) Uhr-pünktlich nennen.
  8. In finnischen Toiletten recht üblich ist eine merkwürdige mobile Version eines Bidéts, sowohl für Frauen als auch für Männer.
  9. Taschentücher scheinen den meisten Finnen ein Fremdwort zu sein, Erkältungen aber keineswegs. Es endet, wie es enden muss (und erneut mit Wortspiel): Rotzfrech wird hochgezogen.
  10. Finnen sind Eishockey-WM-verrückt, wenn es gegen die Schweden geht. Entsprechend war es am Abend des entsprechenden Spieltags entsprechend ausgestorben (um das jetzt entsprechend diplomatisch zu formulieren).
  11. Um im Winter nicht vor dem zugefrorenen oder im vor lauter Kälte nicht starten wollenden Auto zu erfrieren, werden Autos hier mit Standheizung ausgestattet und an manchen Parkplätzen an Steckdosen angehängt.
  12. Helsinki hat das Prinzip des freien Internetzugangs ziemlich gut verstanden — es gibt fast in der ganzen Stadt freies Stadt-W-LAN.
  13. Meine Öffi-Vielfalt in den letzten Monaten in alphabetischer Reihenfolge: Bus, Fähre (klein), Fähre (groß), Fernbus, Flugzeug, Reisebus, S-Bahn, Tram, U-Bahn, Zug
  14. Finnen scheinen im Schnitt den Sommer lieber zu mögen als den Winter.
  15. Helsinki hat auch das Prinzip der Mehrsprachigkeit ziemlich gut verstanden — es gibt das freie Stadt-W-LAN in drei Versionen (Kein Witz!): Als “Helsingin kaupungin WLAN” (finnisch), als “Helsingfors stads WLAN” (schwedisch) und als “Helsinki City Open WLAN” (für Touristen und Austauschstudenten, glaube ich).
  16. Im südlichen Teil Finnlands sind pro Jahr gut acht Monate Winter.
  17. Weil Kasinos hier rar sind, gibt es neben jeder Supermarktkassa und auch in zahlreichen Kiosks Spielautomaten, die von jung und alt (mindestens aber 18) mit Geld gefüllt werden.
  18. Wer nicht die Nase “rümpft” (siehe Punkt 9), hustet. Das ist derart verbreitet, dass es nach dem Konzert mehr Gehuste als Geklatsche zu geben scheint. Und wer weder noch macht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Snus-Tabak unter der Oberlippe. Ganz beliebt hier.
  19. Sprachenvielfalt ist hier selbstverständlich und wird als Bereicherung angesehen.

Und hier noch ein Wetter-Beweis-Zusammenschnitt mit Blick aus meinem Studentenzimmer im Zeitraffer über die fünf Monate.

Kult, Kitsch, Kokolores

Vier Monate lang zeigt sich Helsinki als relativ ruhige Stadt, in der Leute ihren eigenen Dingen nachgehen und sich dabei möglichst nicht gegenseitig auf die Füße treten, und dann kommt dieser merkwürdige erste Mai. Vappu nennt man das hier, und es verkörpert gleich mehreres in einem: Abiturienten/Maturanten bekommen ihr traditionelles Käppi (wie in Schweden), es ist Feiertag (wie fast überall), Studenten feiern (wie immer), es ist der Tag der Arbeit (auch wie fast überall) und scheinbar die ganze Stadt (Betrunkene wie auch Familien, Senioren wie auch Studenten) trifft sich im Stadtpark zum großen Picknick mit Käppi und Sekt — dem ersten großen Anlass, nach draußen zu gehen (und sich den ersten Sonnenbrand der Saison zu holen).

Ganz kurz nach Sechs. Im Bild: Schüler, Studenten, Absolventen, Amanda und das Fernsehen.
Ganz kurz nach Sechs. Im Bild: Schüler, Studenten, Absolventen, Amanda und das Fernsehen.

Moment, was ist passiert? Also es gibt da diesen 30. April, der hier auch schon Vappu genannt wird, quasi zusätzlich zum 1. Mai. Und es gibt diese weißen Käppis, die man in Schweden wie auch Finnland zum/r bestandenen Abitur/Matura bekommt. Und es gibt da diese Tradition. Ach was Tradition, Kult ist das! Also der Kult besteht jedenfalls darin, dass sich am 30. April um Punkt 18 Uhr (Finnen sind sehr pünktlich!) ganz Helsinki (gefühlt) um die Statue der Havis Amanda (“The Naked Lady”) versammelt, (noch) ohne Käppi. Bühne, Stimmung und Live-Übertragung ins nationale Fernsehen inklusive. Mit einem Kran werden dann um Sechs einige aktuelle Abiturienten/Maturanten zum Kopf der Havis Amanda gehoben, um sie mit dem Käppi zu besetzen. Es folgt Sektkorkengeknalle, Jubel und kollektives Käppi-aufsetzen. Irgendwie kitschig. Anschließend wird gefeiert. Und Tags darauf trifft sich ganz Helsinki (Dieses Mal abgezählt!) im Kaivopuisto, dem Stadtpark, zum Picknick. Auch hier überall Käppis, manche vom Zahn der Zeit verfressen, vergilbt, versifft; die neuen strahlend weiß wie nach der Zahnreinigung. Und zwischen Sektflaschen, Picknickdecken, Kinderwagen und Betrunkenen immer wieder die finnische Flagge.

Überhaupt sieht man die hier, verglichen mit den nationalen Fahnen in Österreich oder Deutschland (abgesehen von nationalen Fußball-Veranstaltungen) recht häufig (gut, im Vergleich mit den USA …). Einerseits an nationalen Feiertagen, andererseits an so genannten Flaggentagen. Und davon gibt es, insbesondere im Frühjahr, jede Menge. Hier eine Auswahl (Auswahl wohlgemerkt!):

  • 5.2., Runeberg-Tag: Nationaldichter und Kuchenliebhaber
  • 12.2. (2013), Laskiais tiistai: Faschingsdienstag
  • 28.2., Kalevala-Tag: Tag der finnischen Kultur
  • 19.3., Minna-Canth-Tag: quasi die erste Finnin, die über Finninen ein Buch schrieb
  • 9.4., Mikael-Agricola-Tag: Erfinder der simplen und eingängigen finnischen Sprache
  • 23.4., Buch- und Rosen-Tag: in Anlehnung an den UNESCO-Tag des Buchs
  • 27.4., Tag der nationalen Veteranen
  • 1.5., Vappu: besagtes Käppi- und Picknick-Fest
  • 12.5., Snellman-Tag: zweiter Tag der finnischen Kultur

Hinzu kommen noch so Dinge wie Drei-König, alles im Zusammenhang mit Ostern oder Christi Himmelfahrt. Und natürlich das restliche Jahr — eine genauere Auflistung findet sich auch hier und hier. Man kann es den Finnen bei der Menge an solchen weiß-blauen Tagen ja kaum vorwerfen, aber merkwürdig war die Situation am Tag der nationalen Veteranen ja schon, als ich unwissender Tourist in einem Kaffee den netten finnischen Barista nach dem Anlass des heutigen Flaggentags gefragt habe. Er wusste es nämlich nicht, war peinlich berührt und fragte daraufhin laut in seinen (recht kleinen) Laden hinein, ob es denn wer wüsste. Die acht anwesenden Kunden waren in diesem Moment aber offensichtlich so in die Preisschilder und Produkte vertieft, dass sie vor lauter Bücken und hinter Zetteln verstecken gar nicht antworten konnten. Die Frage war aber auch gemein.

Beflaggt. Hier am Runeberg-Tag.
Beflaggt. Hier am Runeberg-Tag.

Übrigens gehen Flaggentage hier häufig mit einem passenden Dessert einher. Von der Runebergintortu habe ich ja schon berichtet, am Faschingsdienstag, an dem hier kein Fasching, sondern eine Art studentische Apré-Ski-Party am Nachmittag mit Gruppen-Rodeln und schlechter DJ-Ötzi-Musik gefeiert wird (Kokolores!), gibt es eine Art Sahne-Pulla, an Ostern Mämmi (Mämmi, dieses aus Roggen und Malz hergestellte gegärte, schwarze, Pudding-ähnliche Dessert, spaltet hier die Gemüter und erstaunt nicht nur optisch. Persönlicher Eindruck: Es wird nicht mein neues Leibgericht, aber schlecht finde ich es nicht.) und an Vappu tippaleipä, quasi ein frittiertes Nudelnest aus Hefeteig (Laut Wikipedia ist das unter dem Namen Strauben insbesondere im Süden Deutschlands, in Österreich und in der Schweiz bekannt; mir sagte es bislang nichts.).

Auch Musik ist an Vappu vor Ort.
Auch Musik ist an Vappu vor Ort.

Aber apropos Brauch, der mir (nicht) bekannt vorkommt: Kurz vor Ende ihrer regulären Schulzeit feiern die angehenden Abiturienten/Maturanten hier eine Art Übergabe-Fest an ihre Nachfolger, also die neuen “Ältesten” einer jeden Schule. Ein bisschen ist das vergleichbar mit dem — zumindest in Vorarlberg bekannten — Käpplefest. Der große Unterschied besteht im Nachmittagsprogramm. Denn dann wird hier eine Parade veranstaltet, bei der die Schüler auf Lastwagen durch die Innenstadt gekarrt werden und Bonbons an die Anwesenden verteilen, die der neuen Vappu-Käppi-Träger-Generation dafür zujubelt.

Man bekommt den Eindruck, viele der Bräuche hier gehen nicht nur mit Süßspeisen, sondern auch mit Bildung (Autoren, Vappu, studentisches Rodeln, Schüler-LKW-Parade) einher. Macht vielleicht auch Sinn, da das Land schlichtweg nicht sonderlich alt ist (Finnland ist seit 1917 unabhängig.) und daher nicht derart viel ur-finnische Tradition hat. Das ist möglicherweise auch der Grund, warum der ursprünglich schwedische Vappu-Brauch im entscheidenden Moment seine Wurzeln zeigt. Denn bevor Amanda ihr Käppi bekommt, wird der finale Countdown nicht auf finnisch, sondern auf schwedisch gezählt. Statt kolme (3) also tre, statt kaksi (2) heißt es två, dann noch ett und noll. Übrigens stammt die Band zum passenden Song (Europe — The Final Countdown) ebenfalls nicht aus Finnland, sondern eben auch: aus Schweden.