Sein erster Schultag

Das Wichtigste vorweg: Heute gibt’s was zu gewinnen. Wer alle Anspielungen auf eine in Finnland recht bekannte deutsche Band im Text findet und sich zuerst meldet (mit richtiger Anzahl in den Kommentaren), erhält als Preis eine Postkarte aus Helsinki. Natürlich handgeschrieben und auf Wunsch sogar auf finnisch. Na dann los!

Aino ist am ersten Schultag sieben Jahre alt. Sieben. Nicht, wie sonstwo häufig üblich, sechs. Außerdem hat Aino relativ wenig Schule — im europaweiten Vergleich sogar am wenigsten, gemessen in Schulstunden. Und Aino sucht sich die Schule nicht wirklich aus; von einigen Ausnahmen abgesehen (für die deutsche oder explizit schwedische Schulen zum Beispiel) gehen in Finnland alle Kinder zur geografisch nächstgelegenen Schule. Keine Unterteilung in Haupt- und Realschule oder gar in spezielle “Förderschulen”, kein “Ich will”, keine Sperenzchen — alle finnischen Kinder sind Bildungs-technisch gesehen erstmal gleich.

Schulbücher sind für Schüler in der Grundschule kostenfrei und bleiben im Eigentum der Schüler_innen.
Schulbücher sind für Schüler in der Grundschule kostenfrei und bleiben im Eigentum der Schüler_innen.

Diese (schulische) Gleichheit kennt aber zugleich ihre Grenzen: So gibt es in Finnland keine Schuluniformen wie in England oder Amerika. Auch die in Saunas übliche Trennung nach Geschlecht findet in Schulen selbstverständlich nicht statt. In Ainos Klasse sind 22 Kinder, eine typische aber nicht maximale Klassengröße. Es könnten durchaus mehr Schüler sein; bis zu 30, also im Grunde wie in Deutschland oder Österreich.

Bei meinem zweiten Schulbesuch fällt mir auf, was die Kinder noch miteinander verbindet. Kein Schuh am rechten Fuß, kein Schuh links. Zwei, drei, vier Sockenpaare überholen mich, als ich auf dem Weg zur Klasse bin. Lautlos wischen die Kinder quasi von einem Raum zum nächsten; der Fußboden glänzt.

Dabei wird in der Grundschule gar nicht so oft der Raum gewechselt. Es herrscht das Klassenlehrerprinzip, das heißt, man hat möglichst nur einen Lehrer für alle Fächer. Im Idealfall für die ersten sechs Schuljahre, im Realfall trifft das aber nicht immer zu. Die Idee ist, dass man sich auf den Stoff und nicht auf die wechselnden Lehrpersonen konzentriert.

Das scheint zu funktionieren. Bereits während der Grundschule lernen die Kinder englisch und schwedisch. Im Alter von 13 Jahren sind alle Finnen dreisprachig, manche beginnen dann mit französisch, spanisch, russisch oder deutsch. Aino hat keine Lust auf einen russischen Winter in Moskau, keine Sehnsucht nach einem Sommer in Berlin oder einem Frühling in Paris. Sie verzichtet deshalb auf weitere Sprachen, besucht lieber diverse Sport-Intensivkurse.

Moment: Sie? Der Titel des heutigen Beitrags lautet doch “Sein erster Schultag” und für den einen oder anderen (unter anderem für mich) klingt Aino eher nach einem Namen für Jungs! Stimmt. Aber Aino ist ein finnischer Mädchenname. Wechseln wir deshalb (damit der Titel auch Sinn macht) die Schule und besuchen Ainos Bruder Juhani in der Oberstufe.

Wie Aino hat auch Juhani jeden Tag die Wahl zwischen zwei kostenfreien Mittagessen (eines davon vegetarisch) in der Cafeteria der Schule. Nur heute nicht — obwohl es kurz vor Mittag ist. Denn heute findet an Juhanis Schule ein Workshop-Tag statt; nach einem Foto-Schnupperkurs und Floorball kommt jetzt mein Teil. Juhani hat sich nämlich für meinen Kochkurs “Itävaltalainen erikoisuus” (= österreichische Spezialität) eingetragen.

Ich versuche zur Einstimmung ein wenig Wiener Blut durch die finnischen Venen zu pumpen, erzähle von Kaisern und Donau-Monarchie, von den diversen Dialekten und von Süßspeisen. Anschließend geht es an den Herd. Es gibt, natürlich, Kaiserschmarrn.

Die Kinder arbeiten sehr selbstständig und gemeinsam. Teamwork gehört in Finnland in jeder Schule dazu. Genauso wie Vertrauen. Unter anderem deshalb duzt man sich hier wohl überall. Und unter anderem deshalb lässt man mich wohl als quasi Fremden mit Schülern in die Schulküche. Ohne Kochlehrer, die Aufsicht halten.

Das Ergebnis: Apfelmus mit finnischen Äpfeln im Vorder-, Kaiserschmarrn ("itävaltalainen erikoisuus") im Hintergrund.
Das Ergebnis: Apfelmus mit finnischen Äpfeln im Vorder-, Kaiserschmarrn (“itävaltalainen erikoisuus”) im Hintergrund.

Zum Essen soll ich mich dann ans Ende der Tafel setzen, quasi den Vorsitz übernehmen. Ich fühle mich ein wenig wie ein weiser alter Mann, der aus einer fernen Galaxie berichtet. Als ich Staubzucker über meinen Kaiserschmarrn klopfe, sind vierzehn Augenpaare auf mich gerichtet; keiner scheint so wirklich glauben zu können, dass diese Österreicher auf die ohnehin schon süße Süßspeise auch noch Zucker klopfen. Als Hauptspeise. Ich mag “mein” Land in diesem Moment. Und die Kinder sind nach anfänglicher Skepsis auch überzeugt, ihr Kaiserschmarrn kann sich aber auch wirklich sehen lassen. Das Rezept (übrigens dem hier nachempfunden) macht inzwischen in finnischer Übersetzung die Runde, versetzt vermutlich gerade die finnische Mutter oder den Vater ins Staunen.

Der Tag endet für Juhani wie auch für Aino übrigens um spätestens halb Vier. Damit sie noch was von der Sonne haben, vermute ich. Denn zumindest in einem Punkt sind sich österreichische, deutsche und finnische Schulen sehr ähnlich: Schulgebäude sind funktional, aber nicht schön.

 

P.S.: Als kleiner Tipp für das Gewinnspiel kann man sich auch durch die anderen Beiträge aus Helsinki wühlen (hier gibt’s eine Übersicht), um zumindest auf die gesuchte Band zu kommen.

P.P.S.: Mehr zum Schulsystem in Finnland gibt es auch hier und hier.

Im Polarexpress

Kiefer um Kiefer, gelegentlich ein paar Fichten. Dazu Schnee soweit das Auge reicht. So präsentiert sich Finnland, begibt man sich auf den Weg in Richtung Norden. Die Szenerie ist vornehmlich weiß und grau, das Bild ist eintönig. Die abertausenden Seen sind zugefroren und — wie die wenigen (bunten) Häuser — mit Schnee bedeckt. Und dazwischen immer wieder Bäume. Vierzehneinhalb Stunden lang.

Idyllische Einöde.
Idyllische Einöde.

Wir verlassen Helsinki am Abend mit dem Bus, passieren Lahti und Jyväskylä. Aus Sicht der Hauptstadt-Bewohner befinden wir uns damit bereits in der Mitte Finnlands; aus geografischer Sicht sind wir noch im untersten Viertel. Alles Ansichtssache in einem Land, in dem rund 70 Prozent der Bevölkerung im südwestlichsten Dreieck zwischen Turku, Tampere und der Hauptstadtregion leben.

Weiter durch die Nacht, das Bild unverändert: Kiefern, Fichten, Schnee. Nach rund 600 Kilometern legen wir einen Frühstücksstopp in Oulu ein, anschließend geht es weiter nach Kemi. Zum weltweit größten Schloss aus Schnee und Eis — Übernachtung möglich aber teuer (rund 300 Euro pro Nacht). Klingt außerdem kalt? Mitnichten: Im Schloss sind es kuschelige minus 3,5 Grad. Draußen ist es kälter. Witzige Notiz am Rande: Im Schloss gibt es einen Raum voller eisiger “Angry Birds”. Das (ursprüngliche) Handy-Spiel stammt nämlich aus Finnland.

Eingang Santa-Village
Der einzig wahre Weihnachtsmann, direkt am Polarkreis.

Nächster Halt in Rovaniemi, der Hauptstadt und zugleich Eingangstor finnisch Lapplands. Eine Kleinstadt mit rund 60 000 Einwohnern, direkt am Polarkreis. Unter ihnen auch der Weihnachtsmann. Der echte und einzig wahre “joulupukki” wohlgemerkt! In seinem “Santa Village” laufen die Vorbereitungen auf den Dezember das ganze Jahr über. In der Poststelle hat man die Wahl zwischen zwei Briefkästen: “Versand heute” oder “Versand an Weihnachten”. Auch Rentiere leben hier — Nasenfarbe: eigentlich grau bis schwarz, dank Schnee aktuell weiß. Rudolph hat wohl heute frei. Es sollten jedenfalls nicht die letzten Rentiere sein, die uns begegnen. Der Eintritt ins Dorf des Weihnachtsmanns ist übrigens kostenfrei, die Begegnung mit Santa ebenfalls. Nur die Erinnerung kostet: Das Foto, gemacht von einem Weihnachtselfen, schlägt mit 25 Euro zu Buche, die digitale Version samt USB-Stick kostet 49.

Eine Hütte wie die unsere. Natürlich ausgestattet mit Kamin und Sauna.
Eine Hütte wie die unsere, mit Kamin und Sauna. Natürlich.

Weitere 250 Kilometer und viele weitere Kiefern und Fichten später erreichen wir unser vorläufiges Ziel: Saariselkä, ein Wintersportort im umgangssprachlichen wie geografischen Norden Finnlands. Die Region gehört zum nordfinnischen Fjell-Gebiet, einer in diesen Breitengraden üblichen Hochgebirgsart. Wobei “hoch” (zumindest für Österreicher) hier sehr relativ zu sehen ist, es geht eher um die Zusammensetzung des Bodens. Und noch mehr Geographie: Die Chancen, hier die Aurora Borealis zu sehen, stehen — auch dank der Jahreszeit — recht gut. Der erste Versuch scheitert dennoch. Das Wetter!

Besuch im Urho-Kekkonen-Nationalpark, dem zweitgrößten Nationalpark Finnlands. Die Kiefern (Ausschließlich! Saariselkä bildet die Nordgrenze der Fichte.) erstrecken sich hier auf etwa der Fläche Luxemburgs bis nach Russland. Ich bin schwer beeindruckt. Von den Ausmaßen, der Natur, der Unendlichkeit der Kiefer.

Kiefern so weit das Auge reicht. Ein Blick über den Nationalpark.
Kiefern so weit das Auge reicht. Ein Blick über den Urho-Kekkonen-Nationalpark.

Abends sind wir eingeladen. Bei einer Saamenfamilie und ihren Rentieren. Letztere sehen stark mitgenommen aus, was wohl an den Rangkämpfen und der Tatsache liegt, dass Rentiere ihre Geweihe einmal jährlich verlieren. Auch hier keine roten Nasen, dafür eine sehr anschauliche Zahl: Im finnischen Teil Lapplands leben etwa 200 000 Menschen und genausoviele Rentiere. Die Saami-Frau lacht und ergänzt: “Würden Aliens in Lappland landen, sie könnten meinen, Rudolph regiere die Welt.” Wie die australischen Schafe oder die österreichischen Kühe haben übrigens auch die lappischen Rentiere alle einen Besitzer und sind entsprechend gekennzeichnet. Und es gilt hier als unhöflich, nach der Größe der Herde zu fragen — ähnlich wie die Frage nach dem Gehalt in Mitteleuropa.

Im Anschluss starten wir unseren zweiten Versuch, die Aurora Borealis zu erspähen. Klappt um ein Haar; immerhin sehen wir die hellgrauen Umrisse am dunkelgrauen Himmel. Auch dieses Mal stört das Wetter.

bunte Häuser am verschneiten Fjord-Strand
Bilderbuchkitsch in Bugøynes, Norwegen.

Tags darauf steht ein Ausflug zu den norwegischen Fjorden auf dem Programm. Aus mitteleuropäischer Sicht also eine Fahrt vom Norden in den noch nördlicheren Norden. Ziel ist das Dorf Bugøynes (gesprochen wie ein genuscheltes “Bügönnes”) am nordöstlichen Rand der Finnmark. Die heißt so, weil auf einem norwegischen Gebiet, so groß wie Dänemark zahlreiche Finnen leben. Letzteres liegt wohl an der Grenznähe. Wir befinden uns jetzt rund 500 Kilometer nördlich des Polarkreises, kurz vor dem 70. Breitengrad (69° 58′ N). Auf dem Weg begegnen wir zahlreichen Rentieren, wobei keines nach kürzlich geleistetem Rangkampf aussieht. Vielleicht sind Rentiere an der Grenze zu Norwegen und damit einer Außengrenze der EU etwas vorsichtiger und friedliebender, quasi Pazifisten-Rudolph. Übrigens steht an der Grenze der einzige intakte Zaun — für die Tiere wohlgemerkt, Grenzkontrollen gibt es keine.

Kaum sind wir auf norwegischem Boden, ändert sich auch die Umwelt. Bäume werden rarer, die Landschaft hügeliger, Preise teurer. Und kaum kommen wir bei den Fjorden und dem Dorf mit den fast schon kitschig bunten Holzhäuschen an, strahlt uns auch die Sonne entgegen. Ich bin, mal wieder, schwer beeindruckt. Von der Stimmung, der Natur, der Verwinkelung der Fjorde. Übrigens sind letztere bis zu 200 Meter tief und — aufgrund des Golfstroms — nicht gefroren. Haben wir prompt genutzt und sind, stilecht nach dem Saunabesuch, baden gegangen. Bei etwa 5 Grad Wasser- und minus 10 Grad Luft-Temperatur im arktischen Ozean der norwegischen Fjorde.

Aurora Borealis
Es grünt so grün, wenn Lapplands Lichter glüh’n.

Auf dem Rückweg dann ein kurzer Halt in Inari, dem Zentrum der finnischen Saami-Kultur: Hier stehen Parlament und offizieller Souvenir-Shop. Abends ein erneuter Versuch, mit der Aurora Borealis Bekanntschaft zu schließen. Und dieses Mal klappt es. Zunächst schwach, mit grünem Schimmer am Horizont. Gute drei Stunden später, nachts um halb Vier, nehmen die Aktivitäten am Himmel aber zu. Grüne Lichter tanzen lautlos durch die Nacht. Es sieht ein bisschen so aus, als hätte Darth Vader sein rotes gegen ein grünes Lichtschwert getauscht und versucht nun, von außen die Welt wie eine Melone aufzuschneiden. Einer Erzählung der Saamen nach eilt übrigens ein Fuchs mit brennendem Schwanz gen Norden und streift währenddessen immer wieder die Erde. Die Aurora bewegt sich dabei derart rasant, dass man mitspazieren, dem Licht am Himmel folgen kann. Zum letzten Mal auf dieser Reise bin ich schwer beeindruckt. Vom Darth-Vader-Fuchs Lapplands, der mächtigen Natur, der Unwichtigkeit des Menschen.

Übrigens: Mehr Bilder gibt es, wie gehabt, unter http://flickr.com/drphotomario.

Zur Lage der Portion

Ist doch so gut gewürzt und so schön flambiert
und so liebevoll auf Porzellan serviert.
Dazu ein guter Wein, zarter Kerzenschein.
Ja da lass ich mir Zeit, etwas Kultur muss sein.
— Rammstein, “Mein Teil”

Schenkt man Rammstein Glauben, scheinen Kannibalen mehr Essenskultur als Finnen zu haben. Merkwürdig, was einem in der Ferne so auffällt, gefällt oder missfällt. Aber der Vergleich von Rammstein mit der finnischen Einstellung zu Essen passt wie Bertolt Brecht zu weinenden Haien — ziemlich gut.

Zu allererst, und daran sind teils Blogs, teils Reiseführer schuld, fallen einem an der finnischen Essenskultur Kaffee und mit viel Kardamom versehene Süßspeisen auf. Das war es dann aber auch schon mit der Kultur: Der Kaffee ist meistens nicht besonders gut und je nach Bäcker schmecken Pulla wie ordinäre Zimtschnecken. Teure ordinäre Zimtschnecken.

Die Suche nach weiteren Landes-typischen Speisen verläuft sich schnell. Denn generell wird hier nicht besonders viel Wert auf Essen gelegt; es dient vielmehr der Aufnahme von Nahrung als dem Genuss. Zeit nimmt man sich höchstens danach, bei Bier und Wein. Das Essen ist da längst erledigt; man könnte auch sagen, es verschlingt hier nicht viel Zeit. Das Credo lautet offensichtlich Teigling und Toast statt Brot; reichhaltig und rasch statt Geschmack; Tiefkühl und Tube statt Frische. Wirklich Landes-typische Gerichte gibt es kaum. Wenn überhaupt, dann sind es einzelne Zutaten: Neben Kardamom etwa rote Beete, Dill, Molte- und Preiselbeeren.

Hefeteig mit Kardamom
Kardamom mit Hefeteig.

Dann eben selber machen — Pulla zum Beispiel. Die bestehen aus einem Hefeteig, der mit, richtig, Kardamom gewürzt wird. Das Gewürz ist hier übrigens derart beliebt, dass es sogar ein Kardamom-Parfum gibt. Riecht aber nur so gut wie es klingt und die blass-braune Plastikflasche vermuten lässt. Und noch ein interessantes Detail: Kardamom stammt laut Wikipedia hauptsächlich aus Indien, gelegentlich auch aus Thailand oder Madagaskar. Wäre interessant zu erfahren, wie die eher geschmacksneutral würzenden Finnen darauf gekommen sind.

Zuviel Zimt? Gibt's nicht.
Zuviel Zimt? Gibt’s nicht.

Zurück zu den Pulla: Nach ein bisschen warmer Ruhe geht’s ans Ausrollen. Im Idealfall rechteckig, damit die Schnecken später annähernd gleich groß werden. Mit geschmolzener Butter bestreichen und großzügig Zimt und Zucker darauf verteilen. Sehr großzügig. Dann wird eingerollt und im Zick-Zack in Kegel-förmige Schnecken geschnitten. Die kommen jeweils mit der schmalen Seite nach oben auf ein Blech, werden mit Ei bestrichen und mit Hagelzucker bestreut. Wieder warten und dann ab in den (vorgeheizten) Ofen damit. Nicht schwierig, nicht teuer, nichts besonderes.

Ganz ähnlich könnte übrigens die Beschreibung für Restaurants lauten — wenn auch nicht ganz so preiswert. Die Speisen sind international und reichhaltig, die Portionen groß. Dennoch: Es fehlt häufig die Kreativität. Zu den Lieblingsgerichten gehören Lachs- und Erbsensuppen, Fleisch, Fisch sowie Käse in Hart-, Weich- und Grillform. Typische finnische Gerichte gibt es hingegen kaum (Rentierfleisch zählt, wie man mir häufiger erklärte, eher zu den Gerichten für Touristen).

Rollen bitte. Wie Rammstein das R.
Rollen bitte. Wie Rammstein das R.

Ein Blick in die Supermärkte verrät teilweise den Grund: Denn regional und saisonal gehören hier nicht zum wirklich zum Sortiment. Vielmehr dominiert internationale Vielfalt, jeder Jahreszeit zum Trotz. Heute im Angebot: Avokados, Erdbeeren, Spargel. Ein Hoch auf Kapitalismus und Globalisierung. Kein Wunder, dass bei solchen Angeboten lokale Gerichte zu kurz kommen.

Überhaupt die Supermärkte. In Finnland ein eigenes Phänomen: Zwei Ketten dominieren den gesamten Markt (S-Market & K-Market); die einzige Konkurrenz kommt seit einiger Zeit aus Deutschland (Lidl). Das Angebot unterscheidet sich bei den beiden Großen, deren Namen ähnlicher nicht sein könnten, kaum voneinander, die Preise ebensowenig. Nur die Öffnungszeiten variieren, wobei die Faustregel gilt: Je länger, desto teurer. Vorwürfe der Preisabsprache gab und gibt es zuhauf, Belege dafür fehlen aber.

Vielleicht ist es mit dem finnischen Ruf ein bisschen wie mit dem Image Rammsteins. Durch das gerollte R und die Texte, die häufig um Gewalt und Sexualität kreisen, wird die Band häufig mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht. Doch das Gegenteil ist vielmehr der Fall.

Finnen haftet dank Sauna, Kaffee-Konsum, Verschlossenheit und Bildungssystem ein bisschen das Image gut gebildeter, seelenruhiger Genießer aus dem Norden an. Ich würde nicht so weit gehen, das Gegenteil zu behaupten. Man lebt hier wirklich sehr gut und das ist zu einem großen Teil der ausgezeichneten Bildung geschuldet. Aber den Genuss, den bezweifle ich ein wenig: Schwimmbad ja, aber ohne Liegeflächen. Sauna ja, aber ohne Ruhebereich. Essen ja, aber ohne Zeit. Schade eigentlich.