Gewagte Demokratie

Christoph Chorherr ist seit 1991 Gemeinderat der Wiener Grünen.

Man könnte Christoph Chorherr ob des Zeitpunkts der Veröffentlichung seines neuen Buchs Sensationalismus vorwerfen. Denn ganz egal, ob man nach Stuttgart oder Kairo, an die Wall Street oder in die Donnerstagnacht im ORF schaut, überall verlangen Menschen nach Veränderung. Doch man kann Christoph Chorherr diesen Vorwurf nur solange machen, bis man die ersten Seiten von “Verändert! Über die Lust, Welt zu gestalten” gelesen hat. Spätestens dann wird klar, dass es ihm um mehr geht, als den bloßen Aufschrei.

Einerseits wird das bei den vorgestellten Projekten deutlich: Von der W@lz, einer Wiener Privatschule, ist da etwa die Rede. Oder von Ithuba, einem Schulprojekt in Südafrika, Nähe Johannesburg. Beides ist mit Chorherr gewachsen. Und mit beidem scheint Chorherr selbst gewachsen zu sein. So jedenfalls vermittelt es der in Wien geborene und lebende Politiker, wenn er die Projekte als “Herzensprojekte” bezeichnet und von ihnen schwärmt, als müssten andere von deren Erfolg erst noch überzeugt werden. Das kommt an. Mit jeder Seite wächst das Dilemma beim Leser, einerseits aktiv werden zu wollen, andererseits das Buch dafür nicht aus der Hand legen zu wollen.

Man könnte Christoph Chorherr auch vorhalten, dass er durch familiäre Umstände gewisse Vorteile gegenüber dem durchschnittlichen Leser hat, die ihm das ein oder andere Projekt erleichterten, ja überhaupt erst ermöglichten. Doch man kann ihm das nur solange vorhalten, bis er selbst im Buch darauf zu sprechen kommt. Denn spätestens dann wird klar, dass er sich dieses Vorteils bewusst ist und diesen auch nützt(e); doch es scheint, dass er damit auch höhere Anforderungen an sich selbst stellte. Frei nach dem Motto: Wer mehr Möglichkeiten hat, sollte diese auch entsprechend stärker nutzen.

Folgerichtig sind die weiteren Schwerpunkte des Buchs auch große Ziele: Der Umstieg auf 100 % erneuerbare Energie etwa, die Auto-freie Stadt, oder die Erneuerung der österreichischen Demokratie. Für alle Themen hat Chorherr jeweils Negativ-Beispiele wie auch Lösungsvorschläge parat. So soll die Politik transparenter werden und den Regierungschef würde Chorherr nach US-Vorbild gerne direkt wählen. Überhaupt wünscht er sich mehr direkte Demokratie und damit auch mehr Vertrauen in die Bürger.

“Ja, Demokratie ist ein Wagnis. Man muss sich trauen, Entscheidungen den Menschen zu übergeben.”
(Chorherr, 2011, S. 84)

Allen Beispielen und Vorschlägen zum Trotz hat man während der gesamten Lektüre dennoch nie das Gefühl, dass die Themen bis ins Detail behandelt werden. Das mag oder mag nicht die Absicht des Autors gewesen sein, dem Lesefluss schadet es jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Bevor einzelne Kapitel zur reinen Überzeugungsarbeit verkommen, überlässt der Autor die Bewertung darüber lieber dem Leser.

Andererseits ist gerade diese Kürze vielleicht das Einzige, was man Christoph Chorherr nach der Lektüre wirklich vorwerfen kann. Denn so sehr das Buch den Eindruck erweckt, und kein Kapitel macht dies deutlicher als Chorherrs fast 30-seitige Ode an das Fahrrad, dass der Autor nach wie vor aus und für persönliche Überzeugungen kämpft; so sehr hat man das Gefühl, dass der Autor durchaus mehr zu erzählen hätte. Immerhin ist Chorherr, das verrät das Vorwort, “[…] bald 30 Jahre politisch tätig […]”.

Ein Rückblick ist das Buch dennoch nicht. Wäre auch schade. Schließlich sind es gerade solche Politiker, die einen hoffnungsvoll stimmen. Und es sind gerade solche Bücher, die motivieren, auch selbst mehr Demokratie zu wagen. Und mehr Fahrrad zu fahren.

  • Chorherr, Christoph (2011). Verändert! Über die Lust, Welt zu gestalten. Wien: Kremayr & Scheriau.

Digitale Demokratie

Das Netz entwickelt sich rasant. Nicht nur die aktuelle Spiegel-Titelstory (“Web-Kampf um die Zukunft“) lässt darauf schließen, sondern auch zahlreich vorhandene Fachliteratur, die sich mit der zunehmend individualisierten Online-Welt und der damit verbundenen Anbieter-Konzentration beschäftigt.

Long-Tail-Verteilung (Bild: Hay Kranen / PD).

Die Diskussion begann mit Wired-Chefredakteur Chris Anderson, der die altbekannte Theorie des “Long Tail” aufgriff und auf das Internet übertrug. Die Theorie besagt, dass ein kleiner Teil an Anbietern/Angeboten einen sehr großen Teil des Ertrags erhalten und ein sehr großer Teil an Anbeitern/Angeboten einen sehr kleinen Teil des Ertrags. Die entsprechende Verteilung als Kurve in ein kartesisches Koordinatensystem eingezeichnet ist stark rechtsschief und sieht aus wie ein langer Schwanz; ein “Long Tail”. Anderson vermutete, dass der Anteil des Ertrags im Long Tail dank des Internets in seiner Summe steigen würde. Als Grund dafür führte er die schier unbegrenzte Lagerfläche in Online-Geschäften ins Feld, die dazu führe, dass sich Konsumenten nicht mehr nur auf die “Hits”, also das linke Ende der Verteilung, stürzten, sondern dass das wachsende Angebot Individualisierung fördere und entsprechend wachse.

Ganz ähnlich verhielte es sich mit dem Informationsangebot, so Yochai Benkler, der mit seinem Buch “The Wealth of Networks” derzeit das wohl am stärksten diskutierte Werk verfasste (Benkler stellt sein Buch übrigens kostenfrei als PDF auf seiner Webseite zur Verfügung: http://www.benkler.org/Benkler_Wealth_Of_Networks.pdf). Er geht davon aus, dass politisch relevante Seiten im Netz bezogen auf ihren Zulauf ähnlich – wenn auch nicht derart drastisch – verteilt sind, wie Anderson es beschreibt. Allerdings hat Benkler eine sehr optimistische Haltung, was die Möglichkeit angeht, gehört zu werden. So geht er davon aus, dass es jedem möglich ist, aus dem Long Tail auf- und natürlich auch wieder abzusteigen. Ganz im Sinne einer Habermas’schen Öffentlichkeit, sozusagen.

“Inclusiveness is precisely what the online public sphere lacks.”
(Hindman, 2009, S. 271)

Etwas pessimistischer ist da Matthew Hindman eingestellt. Er widerspricht Benkler, nachdem er die US-amerikanische Blogosphäre analysierte und Folgendes feststellte: Andersons Long-Tail-Verteilung ist im Internet demnach anzutreffen, auch hat der hintere Teil der Verteilung durchaus Gewicht (wenn auch nicht ein derart schweres wie die Spitze der Kurve). Was allerdings fehle, sei die Mitte, der Übergang von mächtigen und einflussreichen Meinungsmachern zu wenig gelesenen Bloggern und anderen tagesaktuellen Medien. Diese fehlende Mitte, so Hindman weiter, erschwere die Aufstiegschancen aus dem Long Tail.

Wohin diese stark konzentrierte Meinungsmacht im Internet führen kann, versucht Eli Pariser darzustellen. In seinem Buch “The Filter Bubble” beschreibt er eine Online-Welt, in der das Gesetz des Stärkeren herrscht. Suchmaschinen zeigen Ergebnisse nach dem wissenschaftlichen Prinzip, wer häufiger zitiert wird, muss wichtig sein. Entsprechend landet in Deutschland etwa Spiegel Online immer häufiger unter den ersten Ergebnissen. Solange die Redakteure bei SpOn eine gewisse Meinungsvielfalt bieten, ist das noch kein großes Problem. Schwerwiegend werde das Problem aber, wenn sonst stark Reise-interessierte bei einer Suchanfrage zu “Fukushima” nur Hotel- und Flug-Angebote, jedoch keine Informationen zum AKW-Unglück erhielten.

Die Kernaussage seines Buchs fasst Pariser in diesem TED-Talk zusammen:

Eine Leseempfehlung von mir gibt’s übrigens für alle diese Werke. Insbesondere Pariser und Hindman lesen sich sehr angenehm, Benkler schreibt mit einer sehr optimistischen Grundhaltung, ist aber ebenfalls sehr zu empfehlen.

Literatur

  • Anderson, Chris (2007). The Long Tail. Der lange Schwanz. Nischenprodukte statt Massenmarkt. Das Geschäft der Zukunft. München: Hanser.
  • Benkler, Yochai (2006). The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom. New Haven/London: Yale University Press.
  • Hindman, Matthew (2009). The Myth of Digital Democracy. Princeton, NJ: Princeton University Press.
  • Pariser, Eli (2011). The Filter Bubble. What the Internet Is Hiding From You. London: Viking.