Südsüdwest

Wenn man in Helsinki die Fähre in Richtung Tallinn betritt, könnte man meinen, Estland sei der Finnen liebstes Urlaubsziel. Denn trotz Tagesausflugcharakter (die Fähre braucht 2 bis 2,5 Stunden) ist der Großteil der (überwiegend) Finnen mit Koffer unterwegs. Obwohl: Manche der Koffer sehen überraschend leicht, geradezu leer, aus. Vielleicht sind Finnen aber auch einfach kräftiger.

Tallinns Stadtmauer zur Altstadt.
Tallinns Stadtmauer zur Altstadt.

Wie dem auch sei — die Fähre in den Süden ist gut besucht, trotz zahlreicher Fahrten täglich. Doch schon kurze Zeit nach dem Ablegen erschließt sich dem Besucher der Grund: Estnischer Alkohol ist billiger als finnischer. Das fängt auf der Fähre an (der Fähren-eigene Laden verkauft quasi nur moderne Drogen — Alkohol, Zigaretten, Schokolade) und setzt sich auf dem estnischen Festland fort (Alkohol-Geschäft neben Alkohol-Geschäft neben Alkohol-Geschäft). Selbst Sackkarren bieten die Geschäfte zum Verkauf an, praktischerweise direkt bestückt mit dem Getränk der Wahl (Sackkarren voll Bier, Sackkarren voll Wein, Sackkarren mit halb Bier und halb Wodka, …). Ganz plötzlich machen auch die (bisher) leeren Koffer Sinn.

Davon abgesehen hat Tallinn aber auch anderes zu bieten. Die größtenteils sehr gut erhaltene Stadtmauer verleiht der Altstadt märchenhaftes und mittelalterliches Flair, die wenigen übrig gebliebenen Sowjet-Bauten erinnern an eine nicht allzu lang vergangene Zeit voller Machtdemonstration und Repression und die moderneren Viertel wie das Roterman Quarter zeigen eine moderne und junge Stadt. Das unterstreicht auch die kürzlich in Kraft getretene Regelung, dass öffentliche Verkehrsmittel in Tallinn gänzlich kostenfrei sind. Einfach einsteigen und fahren, ohne schlechtes Gewissen.

Tallinn als ideale Filmkulisse für eigentlich jeden Film?
Tallinn als ideale Filmkulisse. Für eigentlich jeden Film.

Kurzes Zwischenfazit: Zweieinhalb Stunden von Helsinki entfernt ist der Wein billiger (erheblich), das Wetter wärmer (weil südlicher) und die Öffis gratis. Diese Stadt und ich, wir verstehen uns. Eigentlich. Denn trotz zahlreicher deutscher Einflüsse (Tallinn war Hanse-Stadt) ist es mit dem wörtlichen Verstehen nicht weit her. Neben Ungarisch ist nämlich nur Estnisch mit der simplen finnischen Sprache verwandt (Beispiel gefällig? Die Nachtschicht heißt, und ich habe mich nicht vertippt, “töööö” oder auch, quasi der Einfachheit halber, “öötöö”.). Das heißt aber nicht, dass die Finnen estnisch können oder umgekehrt; die gut 1,3 Millionen Esten bestehen schließlich ebenso auf ihre eigene Sprache wie die etwa 5,3 Millionen Finnen.

Zwischen den Gassen.
Zwischen Rigas Gassen.

Weiter geht es in Richtung Süden, vorbei am Kurort Pernau und entlang am Rigaischen Meerbusen, immer in Richtung — ja, man könnte es vom Namen des Gewässers ableiten — lettischer Hauptstadt Riga (Für alle, die das ohnehin wissen, hier das Wichtigste: Mitglied der EU aber nicht des Euro, 2 Mio. Einwohner, 700 000 davon in Riga, Fläche ein bisschen kleiner als Bayern, Sprache offiziell lettisch, russisch aber weit verbreitet, religiös ja, aber unsicher — größtenteils lutherisch, teils katholisch, teils russisch-orthodox, früher jüdisch.). Und Riga ist, das gleich vorweg, eine Reise wert. Da tummeln sich, in niedlichen Gassen genauso wie in etwas heruntergekommenen Seitenstraßen, jung-modern und alt-traditionell, alt-arm und neu-reich, Europäer und Russen. Viele Gegensätze also, die wunderbar zusammenpassen.

Rigas Jugendstil.
Riga und sein Jugendstil.

Vom Jugendstil im Norden der Stadt etwa geht es über den Fluss Düna in Rigas riesige Markthallen im Süden. Zwischen Nüssen, getrockneten Früchten, und viel (wahlweise mit oder ohne Knoblauch) eingelegtem Gemüse verkauft man hier mehr oder weniger alles: Kleidung, Fleisch, Laser-Pointer, Werkzeug, Spielsachen, warmes und kaltes Mittagessen, Badesachen.

Strandidyll in Jürmala.
Strandidyll in Jürmala.

Letztere sind insbesondere dann wichtig, wenn man, wie wir, einen Ausflug, westwärts, in das (ehemals Sowjet-) Spa-Gebiet Jürmala machen möchte. Das Strand-Areal liegt etwa eine halbe Zugstunde außerhalb Rigas und wirkt ein bisschen — und ich möchte damit niemandem zu nahe treten — wie Baywatch für Arme. Das mag einerseits daran liegen, dass wir im Winter da waren; Schnee am Badestrand sieht einfach falsch aus. Andererseits passen die blockigen Graubeton-Hotels und der blassblaue Bademeister-Hochsitz nicht so richtig in eine europäische Hauptstadt im Jahr 2013.

Auf der Suche.
Auf der Suche.

Wieder zurück in Riga, der Hauptstadt des vor rund 800 Jahren gegründeten und vor neun Jahren der EU beigetretenen Lettlands. Seither hat sich in dem Land mit einem der geringsten BIP der EU viel getan: Vom Status des 2004 ärmsten EU-Landes hat es Lettland zum Land mit dem höchsten Wirtschaftswachstum bis 2007 gebracht. Seit 1990 ist darüber hinaus der CO2-Ausstoß um fast die Hälfte zurückgegangen und die Frauenquote ist, obschon nicht offiziell eingeführt, stark gestiegen — heute sind rund ein Drittel der lettischen Geschäftsführer weiblich.

Doch genug geschwärmt jetzt, es fehlt nämlich noch eine Station auf unserer Baltikum-Rundreise. Noch weiter südlich und dieses Mal auch ein bisschen westlicher — also geografisch gesehen. Auf nach Wilna.

Wilnas Glaube und die Kirche.
Wilnas (einheitlicher) Glaube und die Kirche.

Das Erste, was einem auffällt, wenn man durch das Baltikum fährt, ist nichts. Denn zwischen den Städten ist so etwas wie Brachland. Ein paar Bäume, viel Fläche, vielleicht Seen (der Schnee hat uns da den Blick verwehrt), einige einzelne Holzhäuser. Die Städte sind da zunächst also schon Abwechslung genug. Doch Wilna scheint das nicht zu reichen. Denn die Hauptstadt Litauens (EU, ebenfalls kein Euro, 3 Mio. Einwohner, etwa 550 000 in Wilna, rund 1000 km² größer als Lettland, Präsidentin, Sprache dem Lettischen ähnlich aber anders, Glaube einheitlich, größtenteils katholisch) fällt vor allem durch einen weiteren Aspekt besonders auf: Kirchen. Wohl deshalb wird Wilna laut Reiseführer und Wikipedia “Jerusalem des Nordens” genannt.

Im Zentrum Wilnas bei Nacht.
Im Zentrum Wilnas bei Nacht.

Darüber hinaus wirkt Wilna ein bisschen wie Riga oder Tallinn — Altstadt, ein bisschen Moderne dazwischen, Verfall an den Rändern. Bloß mit weniger Altstadt, weniger Moderne und ähnlich viel Verfall. Das ist schade und merkwürdig zugleich. Denn Wilna, einst eine der größten Städte Osteuropas, ist seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe und war 2009, gemeinsam mit Linz, europäische Kulturhauptstadt. Ergo wäre wohl Geld für ein bisschen Aufbereitung vorhanden. Möglicherweise ist das schwache eigene Flair aber nicht der Politik oder der Geografie geschuldet, sondern den Bewohnern. Denn die werden stetig weniger: Noch vor fünf Jahren lebte etwa eine Viertelmillion Menschen mehr in Litauen, kurz nach dem Fall der Sowjetunion waren es gar 3,7 Millionen. Grund dafür ist einerseits ein Geburtenrückgang, andererseits die Auswanderung junger Litauer. Denn die Chance auf Arbeit ist anderswo deutlich höher; den Litauern zufolge insbesondere in Großbritannien und Irland.

Wir machen uns auf den Rückweg. Erst ein wenig Richtung Osten, dann in den Norden. Weit in den Norden. Kurz vor dem Tallinner Hafen kaufen wir noch Alkohol, damit der Koffer schwerer wird. Schließlich geht es mit der Fähre zurück nach Helsinki, wo vom “Charme” der ehemaligen Sowjetunion nichts mehr übrig ist. Nur auf eines können sich die Balten, Finnen und Russen offensichtlich einigen — auf Wodka.

Kult, Kitsch, Kokolores

Vier Monate lang zeigt sich Helsinki als relativ ruhige Stadt, in der Leute ihren eigenen Dingen nachgehen und sich dabei möglichst nicht gegenseitig auf die Füße treten, und dann kommt dieser merkwürdige erste Mai. Vappu nennt man das hier, und es verkörpert gleich mehreres in einem: Abiturienten/Maturanten bekommen ihr traditionelles Käppi (wie in Schweden), es ist Feiertag (wie fast überall), Studenten feiern (wie immer), es ist der Tag der Arbeit (auch wie fast überall) und scheinbar die ganze Stadt (Betrunkene wie auch Familien, Senioren wie auch Studenten) trifft sich im Stadtpark zum großen Picknick mit Käppi und Sekt — dem ersten großen Anlass, nach draußen zu gehen (und sich den ersten Sonnenbrand der Saison zu holen).

Ganz kurz nach Sechs. Im Bild: Schüler, Studenten, Absolventen, Amanda und das Fernsehen.
Ganz kurz nach Sechs. Im Bild: Schüler, Studenten, Absolventen, Amanda und das Fernsehen.

Moment, was ist passiert? Also es gibt da diesen 30. April, der hier auch schon Vappu genannt wird, quasi zusätzlich zum 1. Mai. Und es gibt diese weißen Käppis, die man in Schweden wie auch Finnland zum/r bestandenen Abitur/Matura bekommt. Und es gibt da diese Tradition. Ach was Tradition, Kult ist das! Also der Kult besteht jedenfalls darin, dass sich am 30. April um Punkt 18 Uhr (Finnen sind sehr pünktlich!) ganz Helsinki (gefühlt) um die Statue der Havis Amanda (“The Naked Lady”) versammelt, (noch) ohne Käppi. Bühne, Stimmung und Live-Übertragung ins nationale Fernsehen inklusive. Mit einem Kran werden dann um Sechs einige aktuelle Abiturienten/Maturanten zum Kopf der Havis Amanda gehoben, um sie mit dem Käppi zu besetzen. Es folgt Sektkorkengeknalle, Jubel und kollektives Käppi-aufsetzen. Irgendwie kitschig. Anschließend wird gefeiert. Und Tags darauf trifft sich ganz Helsinki (Dieses Mal abgezählt!) im Kaivopuisto, dem Stadtpark, zum Picknick. Auch hier überall Käppis, manche vom Zahn der Zeit verfressen, vergilbt, versifft; die neuen strahlend weiß wie nach der Zahnreinigung. Und zwischen Sektflaschen, Picknickdecken, Kinderwagen und Betrunkenen immer wieder die finnische Flagge.

Überhaupt sieht man die hier, verglichen mit den nationalen Fahnen in Österreich oder Deutschland (abgesehen von nationalen Fußball-Veranstaltungen) recht häufig (gut, im Vergleich mit den USA …). Einerseits an nationalen Feiertagen, andererseits an so genannten Flaggentagen. Und davon gibt es, insbesondere im Frühjahr, jede Menge. Hier eine Auswahl (Auswahl wohlgemerkt!):

  • 5.2., Runeberg-Tag: Nationaldichter und Kuchenliebhaber
  • 12.2. (2013), Laskiais tiistai: Faschingsdienstag
  • 28.2., Kalevala-Tag: Tag der finnischen Kultur
  • 19.3., Minna-Canth-Tag: quasi die erste Finnin, die über Finninen ein Buch schrieb
  • 9.4., Mikael-Agricola-Tag: Erfinder der simplen und eingängigen finnischen Sprache
  • 23.4., Buch- und Rosen-Tag: in Anlehnung an den UNESCO-Tag des Buchs
  • 27.4., Tag der nationalen Veteranen
  • 1.5., Vappu: besagtes Käppi- und Picknick-Fest
  • 12.5., Snellman-Tag: zweiter Tag der finnischen Kultur

Hinzu kommen noch so Dinge wie Drei-König, alles im Zusammenhang mit Ostern oder Christi Himmelfahrt. Und natürlich das restliche Jahr — eine genauere Auflistung findet sich auch hier und hier. Man kann es den Finnen bei der Menge an solchen weiß-blauen Tagen ja kaum vorwerfen, aber merkwürdig war die Situation am Tag der nationalen Veteranen ja schon, als ich unwissender Tourist in einem Kaffee den netten finnischen Barista nach dem Anlass des heutigen Flaggentags gefragt habe. Er wusste es nämlich nicht, war peinlich berührt und fragte daraufhin laut in seinen (recht kleinen) Laden hinein, ob es denn wer wüsste. Die acht anwesenden Kunden waren in diesem Moment aber offensichtlich so in die Preisschilder und Produkte vertieft, dass sie vor lauter Bücken und hinter Zetteln verstecken gar nicht antworten konnten. Die Frage war aber auch gemein.

Beflaggt. Hier am Runeberg-Tag.
Beflaggt. Hier am Runeberg-Tag.

Übrigens gehen Flaggentage hier häufig mit einem passenden Dessert einher. Von der Runebergintortu habe ich ja schon berichtet, am Faschingsdienstag, an dem hier kein Fasching, sondern eine Art studentische Apré-Ski-Party am Nachmittag mit Gruppen-Rodeln und schlechter DJ-Ötzi-Musik gefeiert wird (Kokolores!), gibt es eine Art Sahne-Pulla, an Ostern Mämmi (Mämmi, dieses aus Roggen und Malz hergestellte gegärte, schwarze, Pudding-ähnliche Dessert, spaltet hier die Gemüter und erstaunt nicht nur optisch. Persönlicher Eindruck: Es wird nicht mein neues Leibgericht, aber schlecht finde ich es nicht.) und an Vappu tippaleipä, quasi ein frittiertes Nudelnest aus Hefeteig (Laut Wikipedia ist das unter dem Namen Strauben insbesondere im Süden Deutschlands, in Österreich und in der Schweiz bekannt; mir sagte es bislang nichts.).

Auch Musik ist an Vappu vor Ort.
Auch Musik ist an Vappu vor Ort.

Aber apropos Brauch, der mir (nicht) bekannt vorkommt: Kurz vor Ende ihrer regulären Schulzeit feiern die angehenden Abiturienten/Maturanten hier eine Art Übergabe-Fest an ihre Nachfolger, also die neuen “Ältesten” einer jeden Schule. Ein bisschen ist das vergleichbar mit dem — zumindest in Vorarlberg bekannten — Käpplefest. Der große Unterschied besteht im Nachmittagsprogramm. Denn dann wird hier eine Parade veranstaltet, bei der die Schüler auf Lastwagen durch die Innenstadt gekarrt werden und Bonbons an die Anwesenden verteilen, die der neuen Vappu-Käppi-Träger-Generation dafür zujubelt.

Man bekommt den Eindruck, viele der Bräuche hier gehen nicht nur mit Süßspeisen, sondern auch mit Bildung (Autoren, Vappu, studentisches Rodeln, Schüler-LKW-Parade) einher. Macht vielleicht auch Sinn, da das Land schlichtweg nicht sonderlich alt ist (Finnland ist seit 1917 unabhängig.) und daher nicht derart viel ur-finnische Tradition hat. Das ist möglicherweise auch der Grund, warum der ursprünglich schwedische Vappu-Brauch im entscheidenden Moment seine Wurzeln zeigt. Denn bevor Amanda ihr Käppi bekommt, wird der finale Countdown nicht auf finnisch, sondern auf schwedisch gezählt. Statt kolme (3) also tre, statt kaksi (2) heißt es två, dann noch ett und noll. Übrigens stammt die Band zum passenden Song (Europe — The Final Countdown) ebenfalls nicht aus Finnland, sondern eben auch: aus Schweden.

Der skandinavische Kamm

Stadt am Meer.
Stadt am Meer.

Finnland und Schweden über einen skandinavischen Kamm zu scheren, ist natürlich Quatsch. Die zwei Länder sind schließlich total verschieden. Beispiel: Während in Finnland etwa vor allen Dingen Frauen blond sind, scheinen in Schweden beide Geschlechter gleichermaßen blond zu sein. Oder der staatliche Alkoholverkauf — heißt hier (Finnland) Alko, dort (Schweden) Systembolaget. Und erst die Natur: Finnische Rentiere im Osten, schwedische Elche im Westen. Während die einen im finnischen Teil Lapplands leben, kommen die anderen hauptsächlich im schwedischen Teil Lapplands vor. Komplett unterschiedlich also.

Sieht aber keiner so. Stattdessen denkt man bei Skandinavien gerne an IKEA (eigentlich nur Schweden), manchmal an Nokia (eigentlich nur Finnland) und meist an teure Preise (gut, das stimmt).

Spaß beiseite; in Wahrheit haben die Länder sowohl viel gemein als auch jede Menge Eigenheiten. Wie bei H&M (Schweden) und Angry Birds (Finnland): Beides total billig (Gemeinsamkeit), aber das eine ist Kleidung, das andere ein Handy-Spiel (Unterschied).

Stockholm bei Nacht.
Stockholm bei Nacht.

Was will uns der Autor damit sagen? Also: Ich war in Schweden. In der Hauptstadt, um genau zu sein. Und das Vorurteil, dass Stockholm so anders im Vergleich zu Helsinki nicht sein kann, war am Anfang definitiv vorhanden. Kurz und gut: Ich wurde eines besseren belehrt.

Da ist zunächst das Stadtbild. Helsinki liegt am Meer, aber im Stadtkern bekommt man davon — abgesehen vom sommerlichen Geschrei der Möwen — nicht viel mit. Stockholm liegt ebenfalls am Meer, ist genau genommen auf 14 durch Brücken verbundenen Inseln angelegt, aber man kann dem Wasser gar nicht entkommen. Hinter jeder Ecke Meeresrauschen, das Gefühl von Urlaub ist allgegenwärtig.

In Reih' und Glied.
In Reih’ und Glied.

Die Schweden scheinen außerdem (Oder deswegen?) ein noch Natur-verbundeneres Volk zu sein als die Finnen. Überall wird mit Öko- Strom, Bio-Anbau, sparsamem Verbrauch, saisonalen Produkten, rigider Mülltrennung, ausge-zeichneter CO2-Bilanz oder grünem Vorgehen geworben. Die Region Hammarby Sjöstad (zieht sich mehr oder weniger über zwei Stadtteile und wird ungefähr “Hämmärbi Schüstöäd” gesprochen) ist damit so erfolgreich, dass sie ihr ökologisches Heiz-, Kühl- und Recycling-System gar als “The Hammarby Model” exportiert (Das Model ist tatsächlich sehr interessant. Wer sich dafür interessiert, kann sich entweder ein Video dazu anschauen oder die Webseite besuchen — beides in englischer Sprache.)

Und dann ist da natürlich die gänzlich unterschiedliche Entwicklung der beiden Länder: Während Schweden ein Königshaus, mehrere Schlösser, eine tausende Jahre alte Geschichte und ein ähnlich merkwürdiges Verhältnis zum Adel hat wie Großbritannien, hat Helsinki davon nichts. Stattdessen war Finnland für rund 1000 Jahre Teil Schwedens, bevor es die Russen übernahmen. Das erklärt die Zweisprachigkeit Finnlands, das häufige Auftauchen Schwedens in finnischen Erzählungen und die kulturelle Nähe — zumindest bis zu einem gewissen Grad.

In Schweden bekommt man davon nicht viel mit. Finnland ist Nachbar, mehr nicht.

U-Bahn-Kunst
U-Bahn-Kunst

Schweden scheinen außerdem modebewusster (insbesondere die Männer) und noch familienfreund-licher zu sein als die Finnen. Und noch teurer sowie/aufgrund dessen nicht Teil der Währungsunion. So oder so, beide Städte sind absolut lebens- und auch liebenswert. Wenn wir jetzt also wieder über einen (skandinavischen) Kamm scheren wollen, dann würde ich, nach den beiden Hauptstädten befragt, zunächst einmal klarstellen wollen, dass beide einen Besuch wert sind: Helsinki und Stockholm sind beide unbedingt einen Besuch wert! Und unvoreingenommen (was ich ja nicht bin) würde ich vermutlich sogar Stockholm zuerst ansteuern. Helsinki ist schön, sofern man die schönen Ecken kennt. Diese Entdeckungsreise bleibt einem in der Hauptstadt Schwedens erspart, denn Stockholm hat mehr zu bieten als bloß ein paar billige Möbel.

 

P.S.: Mehr Fotos gibt’s wie immer hier bei Flickr.