Schöne junge Welt

Wer bei einschlägigen (Online-) Buchhandlungen nach Internetratgebern stöbert, wird — a — schnell fündig, und erhält — b — ein entsetzliches Bild vom Internet. Doch während die Zielgruppe von Büchern wie “Zeitbombe Internet: Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird” oder auch “Die facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft” theoretisch alt genug und entsprechend reflektiert sein müsste, die reißerischen Titel als solche zu erkennen, spielen Erziehungsratgeber wie “Hilfe, mein Kind hängt im Netz: Was Eltern über Internet, Handys und Computerspiele wissen müssen” oder — mein persönlicher Favorit — “Verloren im Netz: Macht das Internet unsere Kinder süchtig?” eindeutig mit den Ängsten überforderter Eltern.

Dabei ist das Internet gar nicht so schlimm!

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Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit “den neuen Medien”. Je nach Studie liegt die Abdeckung von Internet-Zugängen zuhause unter Jugendlichen in Deutschland und der gesamten EU bei 98 bis 99 Prozent. Online ist also so gut wie jeder. Und zwar, auch das belegt eine EU-weite Studie, etwa ab dem zehnten Lebensjahr.

Online aktiv

Was Kinder und Jugendliche online machen, ist ebenfalls bekannt: Kommunikation, Unterhaltung und Information lauten die Schlagworte. Am Wichtigsten ist die Kommunikation, darunter fallen sämtliche sozialen Netzwerke, etwa Facebook und SchuelerVZ, aber auch Instant Messenger, Chats und Foren. An zweiter Stelle, Unterhaltung, stehen Video-Plattformen, (Online-) Spiele sowie Foto- und Musik-Plattformen. Und Information schließlich inkludiert die gesamte Suche nach Fakten, nach inhaltlichen Themen und Nachrichten, eben nach Informationen.

Es ist also, um auf die Angst verbreitenden Buchtitel zurückzukommen, nicht die Frage, wie “das Internet” unsere Kinder kaputt, abhängig oder schlecht macht. Vielmehr sind die Angebote von Apple und Google, Facebook und Twitter, eben jenen neuen Medien, nicht mehr aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen wegzudenken. Sie sind Teil ihrer Lebenswelt.

Und die Frage, die uns vielmehr beschäftigen sollte, lautet: Wie können Kinder und Jugendliche lernen, mit den Gefahren, die das Internet ohne Zweifel birgt, umzugehen, aber auch lernen, das enorme Potential, das eine vernetzte Welt bietet, zu nutzen? Der Fokus muss sich ändern; weg vom ach so bösen Täter Internet, und hin zum aktiven Nutzer, eben zu den Kindern und Jugendlichen.

Auf der Suche nach Verständnis

Um diesem Ziel näherzukommen, reicht es nicht, wie die erwähnte Literatur vermittelt, das Internet zu verteufeln. Es ist stattdessen nötig, die heutige Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu verstehen. Das klingt banal, ist jedoch für viele Pädagogen eine große Hürde. Denn im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen sind sie nicht mit Smartphones und Followern aufgewachsen. Viele von ihnen waren, um es im Online-Jargon zu formulieren, quasi ihr halbes Leben AFK.

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Doch das Verständnis und der Respekt vor dieser Realität, in der 24 Stunden Verfügbarkeit jeden Tag dank Smartphone keine Seltenheit mehr sind, ist Grundlage, um mit den Gefahren umgehen zu können. Denn die sind da, keine Frage. Internet- und Computerspiel-Sucht sind immer häufigere Krankheitsbilder, von Cyber-Mobbing sind laut EU-Studie bereits sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen.

Wie die Lebenswelt mit den Gefahren zusammenhängt

Nur wer verstanden hat, dass sich das Leben von Kindern und Jugendlichen nicht in einer “echten” und parallel in einer “Online-Welt” abspielt, sondern dass es sich um ein und dieselbe Realität handelt, der kann auch nachvollziehen, wie es zu entsprechender Sucht kommen kann. Und warum diese nicht wie etwa Nikotin-Abhängigkeit behandelt werden kann. Dazu eine kurze (fiktive, aber aus wahren Teilen zusammengestellte) Geschichte.

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Mark ist elf Jahre alt, unauffällig, schüchtern und in der Klasse deshalb auch wenig beachteter Außenseiter. Als sein Informatik-Lehrer Marks IT-Talent erkennt, empfiehlt er ihm nach der Stunde ein Buch zu Web-Entwicklung. Mark und seine Eltern sind davon begeistert und so vertieft er sich in die Welt von PHP und JavaScript. Mit dreizehn Jahren hat Mark bereits zahlreiche kleine Webseiten entwickelt und zusätzlich die Welt der Online-Rollenspiele kennengelernt und dort gleichgesinnte Freunde gefunden. Mark spielt gut und verschafft sich mit seinem Avatar viel Respekt bei virtuellen Gegnern und entsprechend Anerkennung bei virtuellen Freunden. Zwei Formen von Wertschätzung, die er offline in diesem Ausmaß nie erfahren hat.

Die Kehrseite dieser Medaille: Mark sitzt inzwischen neun Stunden täglich vor dem Rechner, trifft sich ausschließlich online mit Freunden, die er noch nie physisch getroffen hat, und hat sich in den letzten zwei Jahren schulisch stark verschlechtert.

Was also tun? Den Computer und das Internet verbieten? Das wäre bei anderen Formen von Sucht der präferierte Weg — Abstinenz. Doch Mark hat auch Hausaufgaben, die er am Computer erledigen soll. Und welchen Beruf soll Mark später erlernen, wenn er keinen Computer mehr benutzen darf? Und denkt dabei jemand an die vielen realen sozialen Kontakte, die Mark virtuell geknüpft hat und die ihm und seinem Selbstvertrauen so gut getan haben?

Das Internet ist nicht so schlimm, wie mancher Buchautor suggeriert. Mit den Gefahren zu
spaßen ist aber auch nicht Sinn der Sache. Und der im wahrsten Wortsinn gesunde Mittelweg bedarf Übung, Vorwissen und vor allen Dingen Verständnis für die veränderten Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen.

Dieser Text ist für das Themenheft “Internet und Verantwortung” der Vorarlberger Volkswirschaftlichen Gesellschaft entstanden.

Quellen und Leseempfehlungen

Trainee-Auftakt zum Projekt “Medienkompetenz”

Nach der etwas kryptischen Ankündigung vergangene Woche hier nun die große Auflösung und zugleich offizieller Startschuss für mein Trainee-Projekt 2012.

Im Rahmen des grünen Trainee-Programms 2012 werde ich mein Projekt zur Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen unter Betreuung von Ulrike Gote (MdL) umsetzen. Das Projekt besteht aus mehreren Eckpfeilern, die ich hier kurz vorstellen möchte und ist sowohl für Lehrer_innen als auch Eltern und Politiker_innen sowie für Medienkompetenz-Hellhörige interessant.

  • Leitfaden für Lehrer_innen
    Kernbestandteil des Projekts ist ein Leitfaden zur Vermittlung von Medienkompetenz an Kinder und Jugendliche. Der Leitfaden soll zeitlich und thematisch so flexibel sein, dass es sowohl möglich ist, eine einzelne Schulstunde zu Cyber-Mobbing zu halten, als auch, ein ganzes Schuljahr zu Chancen und Risiken des Internets zu gestalten.
  • Unterrichtsmaterial
    Ergänzend zum Leitfaden soll eine Menge Unterrichtsmaterial erstellt werden — online wie offline.
  • Schulung
    Im dritten Teil des Projekts möchte ich den Leitfaden quasi ausprobieren. Im Rahmen einer Medienkompetenz-Schulung/-Workshop im Schuljahr 2012/13.
  • Blog
    Dokumentiert und festgehalten wird das Projekt hier im Blog. In welcher Form der Leitfaden und/oder die Unterrichtsmaterialien hier veröffentlicht werden, steht noch nicht fest, ist aber schon in der einen oder anderen Form geplant.

Um über den Fortschritt des Projekts auf dem Laufenden zu bleiben, lohnt sich übrigens einerseits das Abonnieren dieses Blogs — wahlweise per RSS oder Mail. Und andererseits werde ich mich bemühen, alle entsprechenden Beiträge mit dem Schlagwort #Trainee12 zu versehen, sie sind also alle auf der Schlagwort-Seite zu lesen.

Warum Medienkompetenz zum Pflichtfach werden muss

Medienkompetenz ist ein furchtbarer Begriff. Er sagt nichts aus, bedeutet aber zugleich alles. Denn Medienkompetenz beschreibt die Fähigkeit, mit “den neuen Medien” richtig umgehen zu können. Was “die neuen Medien” sind und was ein “richtiger Umgang” ist? Nun, darüber lässt sich streiten, doch ich sehe es so: In erster Linie geht es darum, Technologien, die uns täglich umgeben, zu verstehen — dazu zählen (Tablet-) Computer, Smartphones und natürlich das Internet. Der zweite Schritt, und der ist nur mit einem grundlegenden Verständnis, also Schritt eins, möglich, besteht dann darin, mit den Gefahren, die Medien mit sich bringen, umzugehen und die Chancen, die diese Technologien bieten, richtig zu nutzen.

Das große Dilemma besteht nun darin, dass der Umgang mit den Medien kein selbstverständlicher ist, obwohl er als genau so empfunden wird. Jeder nutzt das Internet, Computer gehören zu unserer Gesellschaft wie das Auto und mancher Smartphone-Produzent wird gar zur Religion stilisiert. Und dann die sozialen Netzwerke: Facebook alleine hat mehr Nutzer als die meisten Staaten der Welt Einwohner (tatsächlich würde ein Facebook-Staat hinter Indien und China Platz drei der bevölkerungsreichsten Länder weltweit belegen).

Doch welcher Nutzer beschäftigt sich schon mit Gefahren wie Cyber-Mobbing oder Internet-Sucht? Und was hätten OpenData-Bewegungen oder gut gemachte Podcasts für Vorteile, würden sie von mehr Menschen verstanden und entsprechend genutzt.

Nun ja, entgegnet da manch einer. Das sind vermutlich Nischen-Erscheinungen. Und falls Cyber-Mobbing und Internet-Sucht tatsächlich ernsthafte Probleme wären, würde man die ungefähr so handhaben, wie man das im Offline-Leben auch tut und tat.

Nein und nein.

Erstens: Diese Gefahren und Chancen sowie viele weitere sind keine Nischen-Erscheinungen. Vor allen Dingen werden sie in Zukunft nicht abnehmen, sondern ihre Zahl wird sich in Anbetracht der immer stärkeren Verbreitung mobiler Geräte mit Zugang zum Internet weiter erhöhen.

Zweitens: Einmal erkannt lassen sich Gefahren nicht mit herkömmlichen Vorgehensweisen bekämpfen. Bei Drogen-Sucht hilft lediglich Entzug und die Suche nach alternativen Auswegen für die Ursachen einer Sucht — damit Betroffene nicht mehr auf Drogen zurückgreifen müssen. Aber einem Computer-Süchtigen den Computer zu entziehen, heißt auch, ihm jegliche Zukunftsperspektiven zu entziehen. Welcher Beruf kommt heute schon ohne Computer aus?

Diese Kompetenz erlernt sich also nicht von selbst. Auch nicht bei Kindern und Jugendlichen, die bereits seit ihrer Geburt mit den neuen Medien konfrontiert sind. Und sie zu vermitteln, ist einerseits Aufgabe der Eltern, andererseits — und hauptsächlich, da Eltern mit dieser Aufgabe häufig überfordert sind (und das ist absolut kein Vorwurf, sondern verständlich) — Aufgabe der Schulen.

Doch der Freiraum in der Schule ist begrenzt. Was nicht im Lehrplan steht, ist schwer (aber nicht unmöglich), unterzubringen. Deshalb muss Medienkompetenz zum Pflichtfach werden. Zum Wohl der Kinder, zum Wohl der Jugendlichen, zum Wohl der Lehrer, die damit einen normativen Rahmen erhielten; und damit im Endeffekt auch zum Wohl der Gesellschaft. Denn das Internet bietet ein immenses Potential, Demokratie zu fördern. Genutzt wird dieses Potential derzeit aber noch zu wenig.

Warum mir das alles so am Herzen liegt? Erstens bin ich seit einigen Jahren beim ComputerCamp damit konfrontiert und würde nur zu gerne etwas daran ändern. Und zweitens werde ich versuchen, ein bisschen etwas daran zu ändern. Also kein Pflichtfach einführen, das liegt leider nicht in meiner Macht. Aber — nein, das muss noch warten. Bis nächste Woche. Dann gibt’s hier mehr.

Bis dahin empfehle ich schonmal das Video der Supro-Initiative “Suchthaufen” zum Thema “Neue Medien” bei YouTube:

P.S.: Ich suche nach wie vor nach einem passenden Synonym für “Medienkompetenz”, das praktischer, griffiger, spannender klingt. Vorschläge sind sehr gern gesehen.