Euer erster Schultag

Das finnische Schulsystem soll ja mega-gut sein, heißt es: Tolle Lehrer, kleine Klassen, wenig Unterricht, super PISA. Das führt dazu, dass Lehrer angesehen sind und der Beruf entsprechend gefragt ist; und es führt dazu, dass fast alle Schüler die erste Schule erfolgreich abschließen und dass kaum jemand ohne Schulabschluss durch Finnland läuft. Oder eben umgekehrt: Also super Schüler, tolle Lehrer und deshalb ein Mega-Schulsystem. So oder so (Henne oder Ei?) — was ist mit den finnischen Eltern?

Finnische Flagge hinter einem Hügel
Für Eltern sind finnische Schulen überaus gut erreichbar. Nicht nur geografisch.

Auf den ersten Blick ist deren Welt der in Mitteleuropa sehr ähnlich. Laut Gesetz müssen die Eltern (also genau genommen natürlich “die Erziehungsberechtigten”) darauf achten, dass die Kinder die Schule besuchen und haben im Gegenzug das Recht, zu erfahren, wie die Kinder in der Schule so ab- und ob sie was aufschneiden. Außerdem, das erklärt mir Juhani, Vater zweier Töchter, macht man sich natürlich Sorgen, was für Lehrer die Kinder haben und mit welchen Methoden diese arbeiten. Man tausche sich mit Eltern anderer Kinder darüber aus und man schaue natürlich auch auf andere Schulen und Lehrer. Also wie in den PISA-ärmeren Regionen Europas auch.

Allerdings hat man in den PISA-ärmeren Regionen auch die Qual der Schulwahl, die gravierende (Qualitäts-) Unterschiede sowohl in Lehre und Schule, als auch im Bildungs- und Einkommensniveau der Eltern zutage bringt. Das fällt in Finnland weg — die ersten neun Jahre gibt es keine Schultypenwahl. Entsprechend müssten finnische Eltern weniger Bedenken haben, da sie ohnehin keine Wahl haben und die Leistung des Nachwuchses auch nicht durch den eigenen Status beeinflussen.

Juhani schüttelt energisch den Kopf und verweist auf schulische Unterschiede je nach Lage, Schulleitung und Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Seine jüngste Tochter steht kurz vor der Einschulung, das Thema ist für ihn also brandaktuell. Allerdings ist das ein subjektiver Eindruck, der wohl nur kleine Unterschiede aufzeigt. Studien über die finnische Bildung belegen nämlich, dass die Unterschiede in der Bildung auf lange Sicht quasi nicht existieren. Soll heißen: Egal, wo die Schule liegt, wie sau-blöd die Schulleitung auch sein mag und selbst wenn überhaupt keine Kinder mit Migrationshintergrund das Schulgebäude je betreten — das Ergebnis ist mehr oder weniger unverändert, Finnen sind einfach nicht ungebildet (Wow, doppelte Verneinung bei einem Satz über Bildung …).

Man könnte sagen, Eltern meckern hier auf hohem Niveau (Wobei Juhani nicht wirklich gemeckert, sondern auf meine Fragen und Provokationen reagiert hat.). Das hohe Niveau belegen übrigens auch andere finnische Feinheiten. So gibt es hier eine Art bundesweites Internet-Portal, das Schulen einsetzen (können), um die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern zu erhöhen. Das soll nicht nur Mitteilungsheft und Klassenbuch ersetzen, sondern auch durch “belanglosere” Informationen wie die Speisepläne in Kochunterricht und Mensa, Krankmeldungen, Prüfungsergebnisse, Events, Gäste und ähnliches ein Gefühl der Nähe für die Daheimgebliebenen (respektive die Erziehungsberechtigten”) erzeugen.

Darüber hinaus gibt es natürlich Elternabende und sowas wie Elternsprechtage. Außerdem sind die Lehrer angehalten, für die Eltern auch einzeln offen zu sein, und zwar als Dienstleister. Im Klartext bedeutet das, dass sich berufstätige Eltern nicht nach der Sprechstunde des Lehrers, sondern der Lehrer sich nach den Arbeitszeiten der Eltern richtet. Treffen zwischen Eltern und Lehrer am Abend sind entsprechend keine Seltenheit.

Und noch ein Unterschied, der nicht nur die Eltern betrifft: An finnischen Schulen arbeiten mehr unterschiedliche Personen als an mitteleuropäischen Schulen. Die Rede ist von Schulschwestern (Krankenschwester mit Vorsorge-Weiterbildung für Kinder), Psychologen (für Schul-bezogene genauso wie Schul-ferne Themen), Sozialpädagogen (für die Klassen- und Schulintegration), Köche und Küchenpersonal (für die Schul-eigene Mensa), so genannte Assistenten (für die Lernaufsicht in zu großen Schülergruppen) und Speziallehrer (für leistungsschwächere Schüler). Das entlastet zunächst die Lehrer, die sich auf das Lehren, also das Vermitteln von Inhalten, konzentrieren können. Und es entlastet die Eltern, da in der ideal-typischen und perfekt funktionierenden finnischen Bildungs-Traumwelt keine Kinder gestresst und überarbeitet oder mit viel zu viel Hausaufgaben beladen nach Hause kommen. Die Eltern können sich also ebenfalls auf ihre Aufgabe konzentrieren und müssen nicht Zweitlehrer spielen.

Finnische Eltern und das Schulsystem.
Finnische Eltern und das Schulsystem.

Nochmals kurz zurück zur Henne-Ei-Diskussion: Es könnte sein, dass diese Eltern-Freiheit (also dass man sich als Elternteil voll auf das Elternteil-sein konzentrieren kann) auch zu dem interessanten Gefälle der europäischen Geburtenraten führt. Demnach bringt die durchschnittliche Finnin nämlich 1,8 Kinder zur Welt. Das ist etwas mehr als der EU-Schnitt (1,6) und wesentlich mehr als Frauen in Deutschland oder Österreich (beide 1,4; Quelle). In der Henne-Version hieße das, dass es aus diversen Gründen (saukalt, immer dunkel, sonst wenig los, zuviel Alkohol, andere Klischees …) mehr Kinder gibt und dass sich der Staat daraufhin gezwungen fühlte, mehr Leute in die Schulen zu schicken, die sich um die Kinder kümmern. Die Ei-Variante spräche hingegen dafür, dass Eltern dank Bildungssystem ihr Dasein als Eltern so sehr genießen, dass sie einfach mehr Kinder haben.

Übrigens geht die Wissenschaft heute davon aus, dass es weder ein erstes Ei noch eine erste Henne gab; vielmehr existierte anfangs einfach nur ein undefinierbares Mittelding. Irgendwie unromantisch.

Weiters …

Mehr Infos über und für Eltern zum finnischen Schulsystem gibt es übrigens hier, hier und hier (alle deutschsprachig). Und andere Beiträge von mir dazu finden sich hier, hier und hier.