Entwicklung eines Social-Media-Leitfadens

Als Nachtrag zum Vortrag gibt es hier sowohl die Folien der Präsentation, die ich am 10. Oktober am Tag “Abenteuer Neue Medien” in St. Arbogast gehalten habe, als auch ein Link zu einem anderen Blog, das jede Menge deutschsprachige und im Netz verfügbare Social-Media-Leitfäden auflistet und verlinkt – unter anderem die, die am 10. Oktober als Beispiele vorhanden waren.


Schöne junge Welt

Wer bei einschlägigen (Online-) Buchhandlungen nach Internetratgebern stöbert, wird — a — schnell fündig, und erhält — b — ein entsetzliches Bild vom Internet. Doch während die Zielgruppe von Büchern wie “Zeitbombe Internet: Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird” oder auch “Die facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft” theoretisch alt genug und entsprechend reflektiert sein müsste, die reißerischen Titel als solche zu erkennen, spielen Erziehungsratgeber wie “Hilfe, mein Kind hängt im Netz: Was Eltern über Internet, Handys und Computerspiele wissen müssen” oder — mein persönlicher Favorit — “Verloren im Netz: Macht das Internet unsere Kinder süchtig?” eindeutig mit den Ängsten überforderter Eltern.

Dabei ist das Internet gar nicht so schlimm!

Lizenz: Creative-Commons, Paul Mayne, Flickr

Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit “den neuen Medien”. Je nach Studie liegt die Abdeckung von Internet-Zugängen zuhause unter Jugendlichen in Deutschland und der gesamten EU bei 98 bis 99 Prozent. Online ist also so gut wie jeder. Und zwar, auch das belegt eine EU-weite Studie, etwa ab dem zehnten Lebensjahr.

Online aktiv

Was Kinder und Jugendliche online machen, ist ebenfalls bekannt: Kommunikation, Unterhaltung und Information lauten die Schlagworte. Am Wichtigsten ist die Kommunikation, darunter fallen sämtliche sozialen Netzwerke, etwa Facebook und SchuelerVZ, aber auch Instant Messenger, Chats und Foren. An zweiter Stelle, Unterhaltung, stehen Video-Plattformen, (Online-) Spiele sowie Foto- und Musik-Plattformen. Und Information schließlich inkludiert die gesamte Suche nach Fakten, nach inhaltlichen Themen und Nachrichten, eben nach Informationen.

Es ist also, um auf die Angst verbreitenden Buchtitel zurückzukommen, nicht die Frage, wie “das Internet” unsere Kinder kaputt, abhängig oder schlecht macht. Vielmehr sind die Angebote von Apple und Google, Facebook und Twitter, eben jenen neuen Medien, nicht mehr aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen wegzudenken. Sie sind Teil ihrer Lebenswelt.

Und die Frage, die uns vielmehr beschäftigen sollte, lautet: Wie können Kinder und Jugendliche lernen, mit den Gefahren, die das Internet ohne Zweifel birgt, umzugehen, aber auch lernen, das enorme Potential, das eine vernetzte Welt bietet, zu nutzen? Der Fokus muss sich ändern; weg vom ach so bösen Täter Internet, und hin zum aktiven Nutzer, eben zu den Kindern und Jugendlichen.

Auf der Suche nach Verständnis

Um diesem Ziel näherzukommen, reicht es nicht, wie die erwähnte Literatur vermittelt, das Internet zu verteufeln. Es ist stattdessen nötig, die heutige Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu verstehen. Das klingt banal, ist jedoch für viele Pädagogen eine große Hürde. Denn im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen sind sie nicht mit Smartphones und Followern aufgewachsen. Viele von ihnen waren, um es im Online-Jargon zu formulieren, quasi ihr halbes Leben AFK.

Lizenz: Creative-Commons, woodleywonderworks, Flickr

Doch das Verständnis und der Respekt vor dieser Realität, in der 24 Stunden Verfügbarkeit jeden Tag dank Smartphone keine Seltenheit mehr sind, ist Grundlage, um mit den Gefahren umgehen zu können. Denn die sind da, keine Frage. Internet- und Computerspiel-Sucht sind immer häufigere Krankheitsbilder, von Cyber-Mobbing sind laut EU-Studie bereits sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen.

Wie die Lebenswelt mit den Gefahren zusammenhängt

Nur wer verstanden hat, dass sich das Leben von Kindern und Jugendlichen nicht in einer “echten” und parallel in einer “Online-Welt” abspielt, sondern dass es sich um ein und dieselbe Realität handelt, der kann auch nachvollziehen, wie es zu entsprechender Sucht kommen kann. Und warum diese nicht wie etwa Nikotin-Abhängigkeit behandelt werden kann. Dazu eine kurze (fiktive, aber aus wahren Teilen zusammengestellte) Geschichte.

Lizenz: Creative-Commons, tim_d, Flickr

Mark ist elf Jahre alt, unauffällig, schüchtern und in der Klasse deshalb auch wenig beachteter Außenseiter. Als sein Informatik-Lehrer Marks IT-Talent erkennt, empfiehlt er ihm nach der Stunde ein Buch zu Web-Entwicklung. Mark und seine Eltern sind davon begeistert und so vertieft er sich in die Welt von PHP und JavaScript. Mit dreizehn Jahren hat Mark bereits zahlreiche kleine Webseiten entwickelt und zusätzlich die Welt der Online-Rollenspiele kennengelernt und dort gleichgesinnte Freunde gefunden. Mark spielt gut und verschafft sich mit seinem Avatar viel Respekt bei virtuellen Gegnern und entsprechend Anerkennung bei virtuellen Freunden. Zwei Formen von Wertschätzung, die er offline in diesem Ausmaß nie erfahren hat.

Die Kehrseite dieser Medaille: Mark sitzt inzwischen neun Stunden täglich vor dem Rechner, trifft sich ausschließlich online mit Freunden, die er noch nie physisch getroffen hat, und hat sich in den letzten zwei Jahren schulisch stark verschlechtert.

Was also tun? Den Computer und das Internet verbieten? Das wäre bei anderen Formen von Sucht der präferierte Weg — Abstinenz. Doch Mark hat auch Hausaufgaben, die er am Computer erledigen soll. Und welchen Beruf soll Mark später erlernen, wenn er keinen Computer mehr benutzen darf? Und denkt dabei jemand an die vielen realen sozialen Kontakte, die Mark virtuell geknüpft hat und die ihm und seinem Selbstvertrauen so gut getan haben?

Das Internet ist nicht so schlimm, wie mancher Buchautor suggeriert. Mit den Gefahren zu
spaßen ist aber auch nicht Sinn der Sache. Und der im wahrsten Wortsinn gesunde Mittelweg bedarf Übung, Vorwissen und vor allen Dingen Verständnis für die veränderten Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen.

Dieser Text ist für das Themenheft “Internet und Verantwortung” der Vorarlberger Volkswirschaftlichen Gesellschaft entstanden.

Quellen und Leseempfehlungen